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Biofilm im Tränkewasser
Herdenhaltung|03.11.2025

Biofilm im Tränkewasser

Ist die Tränke wirklich sauber? Nicht nur sichtbare Verschmutzungen im Wasser können Probleme bereiten.

Sibylle Mellema (Toro 06/25)

Marc ist der neue Lehrling. Er ist ab sofort für die Sauberkeit der Tränkebecken im Stall seines Lehrbetriebs verantwortlich. Sein Lehrmeister betont, wie wichtig diese Aufgabe ist. Denn schlechte Wasserqualität mindert Futteraufnahme, Leistung und Fruchtbarkeit der Kühe.

Kühe prüfen ihr Trinkwasser und reagieren viel sensibler auf schlechten Geruch, als wir uns das vorstellen. Sie meiden bereits minimale Verunreinigungen von 0,5 g Kot pro Liter Wasser und auch abgelöste Substanzen aus einem Biofilm.

Glänzend oder klebrig?

Gemeinsam schauen die beiden sich die Tränken im Laufstall der Milchkühe an. In den grossen Edelstahltrögen schwimmen zwar ein paar Futterreste, ansonsten blitzen sie fast wie neu. «Man könnte beinahe selbst daraus trinken», sagt der Lehrmeister zufrieden.

Anders sieht es allerdings im Rinderstall aus. Dieser wurde mit einfachen Mitteln aus dem ehemaligen Anbindestall umgebaut. Hier sind die alten Kunststofftränken verschmutzt, unappetitlich und teils defekt. Eine liefert kaum noch Wasser. Marc soll alles reinigen und wieder in Schuss bringen – kein leichter Auftrag.

Schwierige Aufgabe

Mit Bürste und Seife kommt Marc nicht weit – die verkrusteten Ablagerungen sind hartnäckig. Im Internet liest er nach, dass es sich wohl um einen Biofilm handelt: einer Lebensgemeinschaft von Mikroorganismen wie Bakterien oder Algen, die um sich herum eine schleimige Schutzschicht im Wasser bildet. Eine solche Matrix ist zwar erstaunlich stabil. Es werden trotzdem immer wieder kleine Stückchen mitgerissen, die im Trinkwasser treiben und so ins Tier gelangen.

Biofilme bilden sich besonders gerne an unzugänglichen Stellen. Für saubere Tränken reicht einfaches Ausschütten nicht aus.

Ausbreitender Schleim

Je länger eine Matrix besteht, umso dicker und widerstandsfähiger wird sie – bald ist sie auch resistent gegen Reinigungsmittel oder heisses Wasser. Raue oder beschädigte Kunststoffoberflächen bieten ihr perfekte Bedingungen für die Anhaftung. Wärme und Nährstoffe, etwa aus Futterresten oder Speichel, fördern zusätzlich das Wachstum des Biofilms. Er breitet sich manchmal sogar gegen die Strömungsrichtung innerhalb einer Leitung aus. Wegen seiner Transparenz ist er jedoch kaum sichtbar – man fühlt ihn eher, als dass man ihn sieht.

Schleimige Ablagerungen eines Biofilms: höchste Zeit, diese Tränke zu putzen!

Verschiedene Probleme

Worin besteht das Risiko? Auch krankmachende Mikroorganismen wie z.B. Salmonellen, E.coli oder Listerien, können in Biofilmen überleben. Probleme mit der Tiergesundheit (Durchfall, Zellzahlen, Mastitiden etc.) oder der Fruchtbarkeit folgen. Sind solche Keime einmal im Wassersystem eines Stalls, bleiben sie oft lange nachweisbar. Der Biofilm selbst beeinträchtigt ausserdem den Geschmack und den Geruch des Wassers. Die Tiere trinken weniger. Ihre Leistung bricht ein. Denn Kühe ebenso wie Rinder und Kälber (!) reagieren empfindlich auf jegliche Verunreinigung des Tränkewassers. Schon eine minimalste Verschmutzung einer Tränke reicht aus, dass sie gemieden wird – sofern die Tiere ausweichen können.

Reinigen und desinfizieren

Aber wie wird der Betrieb den Biofilm in den Tränken wieder los? Zusätzlich zur mechanischen Reinigung z.B. mit Bürsten oder einer Hochdruckspülung durch eine Spezialfirma braucht es effiziente chemische Methoden. Enzymatische oder chemische Reiniger (z.B. auf Basis von Wasserstoffperoxid, Säuren oder Laugen) lösen die Matrix auf. Entscheidend sind korrekte Dosierung, Einwirkzeit und gründliches Nachspülen. Danach kann eine Desinfektion der Anlage mit Chlor- oder Iodlösungen erfolgen. Auch heisses Wasser über 70 °C tötet Biofilme ab – allerdings muss das Material der Leitungen diese Methoden aushalten. In grossen Betrieben kann sich eine dauerhafte Wasseraufbereitung mit Ozon lohnen, was durch Oxidation den Biofilm abbaut und gleichzeitig desinfiziert. Unabhängig von der Methode gilt: Nur regelmässige Reinigung und Spülung halten die Wasserleitungen und Tränken dauerhaft sauber und keimfrei. Auch bei niedrigen Temperaturen sollte alles mindestens zweimal wöchentlich gereinigt werden – im Sommer häufiger. Je weniger organisches Material im Wasser schwimmt, umso besser. Edelstahltränken sind hier im Vorteil – auf ihrer glatten Oberfläche haften Biofilme schlechter.

Umbau als Lösung

Marc schafft es dank dieser Informationen, dass alle Tränken am Ende akzeptabel aussehen. Zufrieden ist er dennoch nicht. Er ist überzeugt, dass die baulichen Gegebenheiten ungünstig sind: Eine Reinigung der Leitungen und Tränken ist zwar möglich, aber die Biofilme in den Stichleitungen werden bald zurückkommen. Marc hat bemerkt, dass einige von ihnen bereits jetzt kaum noch durchgängig sind, weil der Durchfluss der einzelnen Leitung zu gering ist. Hauptproblem ist die Architektur der Wasserversorgung im Rinderstall. Sie wird ein konstantes Risiko für die Gesundheit der Tiere bleiben. Er schlägt deshalb klopfenden Herzens vor, diese zu ersetzen – mit neuen Leitungen im Ringschluss, um Stichleitungen und stehendes Wasser zu vermeiden. Zwei leicht zu reinigende Edelstahltränken würden den Arbeitsaufwand reduzieren und die Hygiene verbessern.

Manchmal hilft nur die grosse Lösung: Tränke ausbauen und wegwerfen.

Erstaunliche Effekte

Ein Jahr später: Beim Abschluss von Marcs Lehrzeit ist sein Chef immer noch happy mit der neuen Lösung. Die Argumente hatten ihn überzeugt. Der Aufwand war überschaubar und die positiven Effekte überraschend: Die Rinder entwickelten sich besser als in den letzten Jahren und viele wurden auf Anhieb trächtig. Die Reinigung der Tränken ist nun viel einfacher – «sie gleicht nun nicht mehr einer Strafaufgabe», sagt Marc lachend.

Biofilme gibt es überall – auch an Menschen oder Tieren

Manchmal sind sie sogar nützlich, etwa in Darm oder Maul, wo sie krankmachende Keime fernhalten oder Verdauungsprozesse unterstützen. In Wasserleitungen und Tränken jedoch können sie erhebliche Probleme verursachen:

  • Gesundheitsrisiken: Biofilme können Krankheitserreger beherbergen.
  • Schlechtere Wasserqualität: Stoffwechselprodukte verändern Geschmack und Geruch.
  • Verstopfungen: Stark wachsender Biofilm in Kombination mit Kalk verengt die Leitung.
  • Korrosion: Der Materialabbau wird beschleunigt.