Kälberbedürfnisse
Wer ernst nimmt, was Kälber wirklich brauchen, legt den Grundstein für gesunde und leistungsfähige Milchkühe.
Matthias Risch (TORO 01/26)
Kälber haben von Geburt an vielfältige Bedürfnisse, die weit über die reine Versorgung mit Milch, Futter und Wasser hinausgehen. Eine tiergerechte Aufzucht trägt diesen Anforderungen Rechnung. Sie lässt sich häufig bereits mit einfachen Massnahmen deutlich verbessern, damit sich die Jungtiere stressfrei und gesund entwickeln.
Wärme und Liegekomfort
Neugeborene Kälber reagieren besonders empfindlich auf Kälte, da ihr Wärmehaushalt noch kaum stabilisiert ist und die schützende Fettschicht fehlt. Eine trockene, dicke Stroheinstreu ist daher unverzichtbar. Das Kalb sollte sich regelrecht im Stroh «eingraben» können, sodass seine Gliedmassen nicht mehr sichtbar sind. Nur dann ist ausreichend Einstreu in der Kälberbox. Insbesondere im Winter gilt: Kälber sollen im Stroh liegen, nicht nur auf dem Stroh. Feuchte oder zu wenig Einstreu führt hingegen schnell zu Energieverlusten und Erkältungen der Kälber.
Frischluft ohne Zugwind
Eine gute Belüftung im Kälberstall reduziert die Belastung der Tiere durch Staub, Ammoniak und Krankheitserreger. Zugluft muss gleichzeitig konsequent vermieden werden. Betriebe mit hellen, luftigen Kälberställen haben nachweislich weniger Atemwegserkrankungen und Lungenprobleme – das bestätigen auch Tierärzte aus der Praxis. Das ist auch bei der Haltung von Kälbern in Iglus der Fall. Auch hier sollte das Ziel eine trockene Einstreu und ein gut temperiertes Klima im Iglu sein. Überdachungen sind empfehlenswert, da sie bei schlechtem Wetter das Iglu und den Vorbereich trocken halten und im Sommer die Kälber vor Überhitzung schützen. Gleichwohl darf die Zufuhr von frischer Luft darunter nicht leiden. Der Standort und die Ausrichtung von Kälberiglus sollten daher gut durchdacht sein.
Sozialkontakte und Gruppenhaltung
Rinder sind hoch sozialisierte Tiere, die natürlicherweise in einem Herdenverband leben und sich über Körpersprache intensiv untereinander austauschen. Auch Kälber suchen aktiv den Kontakt zueinander. Sie kuscheln gerne miteinander und schätzen die Zuneigung des Menschen in den ersten Lebenstagen. In der Regel bleiben sie dadurch dauerhaft zutraulicher. Ab dem 14. Lebenstag müssen Kälber in der Schweiz in Gruppen gehalten werden. Verschiedene Studien zeigen, dass die Gruppenhaltung schon von Geburt an ebenfalls eine gute Alternative sein kann. Sie fördert die Futteraufnahme und die Entwicklung. In Gruppen lernen Kälber schneller, fressen besser, zeigen ausgeprägtes Sozialverhalten und sind weniger scheu. Dies ist allerdings nur der Fall, wenn keine hartnäckigen Durchfall- oder Grippeerreger auf dem Betrieb vorhanden sind. Sonst erhöht eine frühe Gruppenhaltung den Infektionsdruck für das einzelne Kalb.
Saugbedürfnis befriedigen
Ein Argument, das immer wieder gegen die Gruppenhaltung von jungen Kälbern vorgebracht wird, ist die Gefahr des gegenseitigen Besaugens. Experten sind sich einig, dass diese in den meisten Fällen durch ein gutes Kälbermanagement ausgeglichen werden kann. Es ist dabei entscheidend, dass die Tiere ihr natürliches Saugbedürfnis unter der Milchtränke ausreichend befriedigen können. Das heisst, sie brauchen ein Tränkesystem mit geringem Durchfluss, das langsames Saugen ermöglicht und dem natürlichen Verhalten an der Zitze ähnelt. Deshalb sollte die Tränke immer über einen Nuggi erfolgen, der mindestens auf Kopfhöhe der Kälber hängt. Wie bei Babys dient das Saugen neben der Nahrungsaufnahme auch der Entspannung des Kalbs. Der gebildete Speichel unterstützt zudem die Verdauung.
Erkundungs- und Spielverhalten
Spielverhalten und Erkundungsdrang sind wichtige Indikatoren für das Wohlbefinden von Kälbern. Erst in den letzten Jahren wird die Bedeutung von Beschäftigungsmöglichkeiten in der Kälberhaltung stärker berücksichtigt. Mittlerweile ist klar: Kälber brauchen genügend Platz und geeignete Beschäftigungsmaterialien, um ihr Erkundungsverhalten auszuleben. Die Kälber nähern sich solchen Gegenständen typischerweise Schritt für Schritt mit einem lang gestreckten Hals. Oft schrecken sie kurz mit einem Sprung zurück, um danach wieder näherzukommen. Bewegliche, schwingende Gegenstände finden sie besonders attraktiv, ebenso mit Heu gefüllte Bälle. Auch aufgehängte Äste von Nadelgehölzen oder kleine Bäume bieten ihnen Anreize zum Knabbern, zum daran Herumreissen oder zum Scheuern. Es bietet sich also eine sinnvolle Weiterverwendung eines unbehandelten Christbaums.
Körperpflege ermöglichen
Oft unterschätzt wird, dass auch Kälber ein starkes Bedürfnis nach Körperpflege haben. In der Mutterkuhhaltung übernimmt die Kuh durch intensives Schlecken einen grossen Teil davon. In der mutterlosen Aufzucht scheuern und reiben sich die Kälber häufig an der Boxen-einrichtung oder an Holzwänden. Eine Bürste nehmen sie deshalb sehr gerne an. Eine Untersuchung aus Neuseeland zeigt, dass sich Kälber eine halbe Stunde am Tag mit einer Bürste in ihrer Box beschäftigen. Sie gehen mehrmals pro Tag immer wieder dorthin. Als Scheuermöglichkeit kann zum Beispiel ein einfacher, robuster Holzschrubber an die Boxenwand geschraubt werden. Wer seinen Kälbern etwas Besonderes bieten möchte, investiert in eine elektrische Bürste, wie sie im Freilaufstall von Kühen oft im Einsatz ist.
Bewegung und Auslauf
Kälber haben einen starken Bewegungsdrang. Er stärkt Knochen, Muskeln und Kreislauf, verbessert die Atmung und die Lungenventilation. Wie bei Kindern fördert Bewegung an der frischen Luft das Immunsystem und beugt Infektionen vor. Im gemeinsamen Rennspiel mit anderen Kälbern buckeln die Tiere durch die Box, sie machen plötzliche Kehrtwenden und jagen sich gegenseitig durchs Stroh. Auch Scheinkämpfe gehören zum sozialen Spiel. In engen Buchten oder dunklen Stallgängen können sie diesen Spieltrieb nicht ausleben. Darüber hinaus bietet sich eine Kälberweide an – Im Sommer inklusive Zugang zu frischem Wasser und idealerweise mit Unterstand, im Winter stundenweise zur Beschäftigung. So profitieren die Jungtiere vom ammoniakfreien Klima, weniger Fliegen, genügend Bewegung und dem Zugang zu Raufutter von bester Qualität. Auf Betrieben mit regelmässigem Weidegang fällt übrigens auf, dass die Tiere lebendiger und neugieriger sind. Sie zeigen weniger Stresssymptome. Auch das Herdenverhalten verbessert sich: Weidekälber integrieren sich später leichter in den Laufstall.
Hygiene und Fütterung
Genauso wichtig wie Komfort, Beschäftigung und Bewegung ist eine saubere Umgebung für gesunde Tiere. Tränkeeimer und Futtergefässe sollten regelmässig mit Spülmittel und Bürste gereinigt werden, damit sich keine Keime bilden. Auch die Saugvorrichtungen sollten regelmässig gereinigt und alte Nuggis ausgetauscht werden, am besten lange bevor man Defekte mit blossem Auge sieht. Kälber benötigen ab der ersten Lebenswoche zudem frisches Wasser und Zugang zu bestem Futter, damit sie lernen, «gerne zu fressen». Gute Ernährung gepaart mit einer sauberen Umgebung ist der beste Schutz vor Durchfall und Atemwegserkrankungen.
Fazit
Ein gesundes, vitales Kalb ist kein Zufall – Wärme, frische Luft, Sozialkontakt, ausreichend Bewegung und eine saubere, strukturierte Umgebung tragen massgeblich zu einer guten Entwicklung bei. Wer die Bedürfnisse der Kälber kennt und befriedigt, legt damit den Grundstein für langlebige, ausgeglichene und leistungsfähige Milchkühe. So zahlt sich Fürsorge im Kälberstall langfristig gesehen doppelt aus – in Tierwohl und Betriebserfolg.
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