Eine genaue histologische Beschreibung des Nebenhodenkanals eines Mannes zeigt eine weitere e-learning Seite der Uni Zürich (auf deutsch).
Andrologie
Gesunde Geschlechtsorgane eines Stiers sind eine Grundvoraussetzung für die Produktion von befruchtungsfähigem Sperma, das für die künstliche Besamung weiterverarbeitet werden kann.
Unser Video «Der fruchtbare Stier» bietet einen schnellen Überblick über das Genital eines Stiers.
Die Geschlechtsorgane des Stiers
Die Geschlechtsorgane bestehen aus vier funktionellen Teilen:
- den Keimdrüsen als Bildungsstätten für die Samenzellen (Hoden)
- den Ausführungswegen für die Spermien (Nebenhoden, Samenleiter, Harnröhre)
- den akzessorischen Geschlechtsdrüsen (Bulbourethraldrüse, Samenblase, Prostata)
- dem Begattungsorgan (Penis)
Übersicht zur Lage der Geschlechtsorgane
Unser Video zeigt eine Übersicht über die Lage der Harn- und Geschlechtsorgane eines Stiers: Wie sind die einzelnen Organe miteinander verbunden und welche anatomischen Besonderheiten gibt es?
Fetalleben, Pubertät und Geschlechtsreife
Die Geschlechtsorgane des Stiers entwickeln sich bereits als Fetus während der Trächtigkeit. Sie erreichen ihre volle Funktionstüchtigkeit allerdings erst nach der Pubertät – wenn das Stierkalb mit der Produktion der männlichen Geschlechtshormone beginnt. Unter professionellen Bedingungen sind Stiere von Milchrassen frühestens mit ca. 1 Jahr geschlechtsreif.
Die Hoden des Stiers
Die Hoden (Testis) sind die Bildungsstätten der männlichen Keimzellen (Spermien) und der männlichen Geschlechtshormone. In 24 Stunden entstehen in den Hoden eines Stiers 10'000'000'000 Spermien.
Die Anatomie der Hoden
Die Hoden des Stiers liegen locker im Hodensack (Scrotum).
Bindegewebskapsel
Die Hoden sind dabei vollständig von einer derben Bindegewebskapsel (Tunica vaginalis, 1-3) umgeben, die das Hodengewebe unter Druck hält.
Hoden-Läppchen
Von dieser äusseren Kapsel zieht Bindegewebe ins Innere des Hodengewebes hinein und unterteilt dieses in viele kleine Läppchen.
Samenkanälchen
In den Läppchen des Hodengewebes verlaufen die Samenkanälchen. Diese vereinigen sich im Inneren des Hodens zum Hodennetz (Rete testis).
Der Hodenabstieg
Während der Fetalzeit entstehen die Hoden des Stiers auf der Höhe im Bereich der Nierenanlage in der Bauchhöhle. Sie steigen aber im Normallfall in den Hodensack ab, denn Spermien brauchen einen kühlen Ort für ihre Entwicklung. Die weiblichen Keimdrüsen (Eierstöcke) von Kühen sind wie bei allen Säugetieren dagegen in der Beckenhöhle lokalisiert.
Zur Geburt im Hodensack
Die Hoden eines Stiers wandern im Laufe des Fetallebens bis zu seiner Geburt durch den Leistenkanal in den Hodensack.
Spermien mögen’s kühler
Spermien können sich nur bis zu einer Temperatur von ca. 35°C entwickeln. Bei Säugetieren, die eine höhere Körpertemperatur haben, liegen die Hoden daher meist ausserhalb des Körpers.
Hoden von Vögeln und Fischen
Bei anderen Wirbeltieren wie Fischen, Reptilien oder Vögeln liegen die Hoden dagegen im Inneren des Körpers.
Ausnahmen bei Säugetieren
Auch manche Säugetiere wie z.B. das Walross oder der Elefant haben ihre Hoden im Körperinneren. Vermutlich waren extrakorporale Hoden für sie kein evolutionärer Vorteil.
Unvollständiger Hodenabstieg
Ist der Hodenabstieg durch den Leistenkanal in den Hodensack gestört, spricht man von "Hodenhochstand" oder "Kryptochismus".
Ein- oder beidseitig
Ein oder beide Hoden können dabei in der Bauchhöhle zurückbleiben oder nach der Geburt noch im Leistenkanal stecken. Der einseitige Kryptorchismus (s. Bild) ist häufiger als der beidseitige.
Seltener als bei Schweinen
Bei Stierkälbern kommt ein unvollständiger Hodenabstieg deutlich seltener vor als z.B. bei Ferkeln. Es scheint bei manchen (Fleisch-)Rinderrassen gehäuft Kryptorchismus zu geben – zumindest in Nordamerika.
Die Hodengrösse ist altersabhängig
Jungstiere
Mit 1 bis 1,5 Jahren haben Stiere ein durchschnittliche Hodendicke von 4,5 cm. Beide Hoden zusammen sollten mindestens 30 cm Gesamtumfang haben.
Ausgewachsene Stiere
Das Wachstum der Hoden folgt zunächst dem Längenwachstum der Hodenkanälchen. Ab dem 3. Lebensjahr nimmt dann das Bindegewebe zu.
Altstiere
Bei alten Stieren bildet sich das keimbildende Gewebe in den Hoden zurück. Dies geht mit einem Rückgang der Spermaproduktion einher.
Die Zellen des Hodens
Das Keimepithel, in dem die Spermien gebildet werden, setzt sich histologisch zusammen aus den sich teilenden Keimzellen und den Sertoli-Zellen. Letztere sind für die Ernährung der Keimzellen zuständig.
Die hormonbildenden Zellen im Hoden
Zwischen den Hodenkanälchen sind die hormonbildenden Leydig-Zwischenzellen im Bindegewebe gruppiert. Diese synthetisieren das männliche Geschlechtshormon Testosteron.
Die Andrologie am Hoden
Gesunde Hoden sind symmetrisch und fühlen sich prall-elastisch an. Die Haut des Hodensacks (Skrotum) ist verschieblich.
| Angeborene Erkrankungen des Hodens | Erworbene Erkrankungen von Hoden und Hodensack |
| Kryptorchismus (s.o.) | Blutergüsse |
| Fehlbildungen eines oder beider Hoden (Hypoplasie) | Entzündungen (Orchitis) – früher häufig bei Deckseuchen (z.B. Brucellose) |
| Falsche Lage der Hoden im Hodensack (Dislokation) | Flüssigkeitsansammlung zwischen Hoden und Hodensack (Hydrozele) |
| Verkalkungen der Hodenkanälchen |
Schlechte Samenqualität
Verletzungen oder Entzündungen des Hodengewebes zeigen sich häufig erst mit Verzögerung in einer schlechten Samenqualität (Morphologie).
Verkalkungen im Ultraschallbild
Eine Ultraschalluntersuchung kann Verkalkungen (Kalzifizierungen) und Ödeme im Hodengewebe sichtbar machen – und eine schlechte Samenqualität manchmal erklären.
Die Nebenhoden des Stiers
Im Nebenhoden (Epididymis) reifen die Spermien aus. Sie werden dort gespeichert.
Die Anatomie der Nebenhoden
Die Samenkanälchen des Hodens sammeln sich und fliessen zum stark geschlängelten Nebenhodenkanal zusammen. Dieser verlässt den Hoden am oberen (proximalen) Ende.
Nebenhodenkopf
Der Teil des Nebenhodens, der dem Hoden oben aufliegt, heisst Nebenhodenkopf. Er ist ungefähr haselnussgross.
Nebenhodenkörper
Der Nebenhodenkörper ist bleistiftstark und läuft an der Innenseite (medial) des Hodens entlang.
Nebenhodenschwanz
Am unteren (distalen) Ende des Hodens sitzt der Nebenhodenschwanz. Er ist ungefähr baumnussgross.
Die Funktion des Nebenhodens
Im Nebenhodens befinden sich die Spermien, die vom Hoden produziert wurden, quasi in der Warteschleife. Der Kanal, in dem diese Reifung stattfindet, wäre ausgestreckt mehrere Meter lang.
Reifung in 14 Tagen
Die Spermien durchwandern den Nebenhoden in rund 14 Tagen. Sie kondensieren währendessen ihr Erbgut, verändern ihre Form und erhalten erst durch die Reifung im Nebenhoden die Fähigkeit zur Bewegung.
Spermienreservoir
Der Nebenhodenschwanz ist der Speicherort für ausgereifte Spermien. Es vermischen sich dort ältere Spermien mit ganz frischen. Dadurch wird die Befruchtungsfähigkeit eines Ejakulats erhöht.
Die Zellen des Nebenhodens
Unter dem Mikroskop lässt sich der Kanal des Nebenhodens mit seiner gleichförmigen Auskleidung gut erkennen. Im Inneren des Kanals tummeln sich die Spermien.
Die Andrologie des Nebenhodens
Alle Teile des Nebenhodens sind bei einer manuellen Untersuchung vom Hoden abgrenzbar, verschieblich und nicht schmerzhaft. Gesunde Organe fühlen sich weich-elastisch an.
| Angeborene Erkrankungen des Nebenhodens | Erworbene Erkrankungen der Nebenhoden |
| Fehlbildungen eines oder beider Nebenhoden (Hypoplasie) | Entzündungen (Epidymitis) meist zusammen mit Hodenentzündung |
| Zystische Aufweitung des Nebenhodenkanals (Spermatozele) |
Die Samenstränge des Stiers
Die Verbindung zwischen Hoden, Nebenhoden und Harnröhre des Stiers wird als Samenstrang bezeichnet. Er besteht aus dem Samenleiter, Nerven, Lymph- und dicken Blutgefässen.
Samenleiter
Aus dem Nebenhodenschwanz geht direkt der Samenleiter hervor. Er steigt im Hodensack nach oben und passiert den Leistenkanal. In der Beckenhöhle des Stiers mündet er in die Harnröhre.
Samenstrang
Der Samenleiter ist umgeben von Nerven und grossen, geschlängelten Blutgefässen. Gemeinsam werden diese Strukturen als Samenstrang bezeichnet.
Der Plexus pampiniformis
Ein grosser Teil des Samenstrangs besteht aus einem Geflecht von Blutgefässen. Dieser «Plexus pampiniformis» spielt eine entscheidende Rolle bei der Wärmeregulation der Hoden. Ein Wärmeaustausch im Gegenstromprinzip kühlt Hoden, Nebenhoden und die Spermien dort 2-4 °C unter Körpertemperatur ab. Das hält die Spermien befruchtungsfähig.
Die Kastration des Stiers
Bei der Kastration wird der Samenstrang inklusive Samenleiter und Blutgefässe durchtrennt. Dies kann entweder durch einen Schnitt «blutig» oder durch eine quetschende Zange bzw. Gummiringe «unblutig» erfolgen.
In der Schweiz ist unabhängig von der Methode bei jeder Kastration eines Stierkalbs eine Schmerzausschaltung aus Tierschutzgründen vorgeschrieben. Es gelten diese Rechtsvorschriften.
Die akzessorischen Geschlechtsdrüsen des Stiers
Ein Stier hat mehrere Geschlechtsdrüsen, die sich in seiner Beckenhöhle um die Harnröhre gruppieren:
| Die Geschlechtsdrüsen des Stiers | Eigenschaften |
| die Samenleiterampullen | BleistiftstarkSpindelförmige Erweiterung der Wand des Samenleiters kurz vor seiner Einmündung in die HarnröhreRektal tastbar |
| die Samenblasendrüsen (Vesikulardrüsen) | Drüsenkörper bis 3 x 7 cm grossPaarige DrüseSeitlich der Harnblase an den Ampullen, münden in den Samenleiter direkt vor der HarnröhreDeutlich gelappte, höckrige StrukturSammelräume mit Sekretvorrat in der DrüseRektal tastbar |
| die Vorsteherdrüse (Prostata) | Zweiteilig:Prostatakörper: auf der Harnröhre, rektal tastbarDurchmesser ca. 3 cmPars disseminata: in der Harnröhre eingelagerte Drüsenpakete, nicht tastbar |
| die Harnröhrenzwiebeldrüsen (Bulbourethraldrüse) | Paarige DrüsenCa. BaumnussgrossMündung in die HarnröhreSammelräume fürs Sekret |
Das Sekret der Geschlechtsdrüsen
Das Sekret, das die einzelnen Geschlechtsdrüsen bilden, wird bei der Ejakulation mit den Spermien vermischt und ausgestossen. Es ist der flüssige Bestandteil des Ejakulats.
Das Volumen pro Sprung
Das Sekretvolumen variiert dabei zwischen 2 und 15 ml pro Sprung. Der Hauptteil stammt aus den Ampullen und den Vesikulardrüsen. Das Testosteron steuert die Sekretproduktion.
Seminalplasma
Das Sekret enthält Mineralstoffe und organische Substanzen, die den Spermien als Energiequelle und Konservierungsmittel dienen, z.B.: Fruktose, Zitronensäure, Natrium und Proteine etc.
Wechselwirkungen
Das Seminalplasma wirkt bei der Ejakulation sofort auf die Spermien. Es fördert ihre Reifung und Motilität, schützt sie vor dem Milieu im weiblichen Genitaltrakt und löst kaputte Spermien auf.
Individuelle Fruchtbarkeit
Die individuelle Zusammensetzung seines Seminalplasmas hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Befruchtungsfähigkeit des Spermas eines Stiers.
Die Andrologie der Geschlechtsdrüsen
Die meisten Geschlechtsdrüsen des Stiers sind bei einer rektalen Untersuchung tastbar (s. Tabelle). Bei einem gesunden Stier fühlen sie sich prall-elastisch an, sind verschieblich und eine Berührung löst keinen Schmerz aus. Pathologische Befunde können mit einer Ultraschalluntersuchung abgesichert werden.
Der Penis des Stiers
Der Penis ist das Begattungsorgan des Stiers.
Die Anatomie des Penis
Der Penis des Stiers enthält viel Bindegewebe aber nur einen geringen Anteil an Schwellkörpern. Er ist am Beckenknochen verwachsen und liegt s-förmig gekrümmt in der Beckenhöhle. Einströmendes Blut führt zur Streckung dieser Krümmung.
Das Präputium
Das Präputium ist am Unterbauch des Stiers fest verwachsen. An seiner Öffnung wachsen typischerweise eine Handvoll Pinselhaare. Diese werden bei Stieren in der Samenproduktion aus hygienischen Gründen geschoren.
Die Andrologie des Penis
Penis und Präputium können bei einer andrologischen Untersuchung von aussen betrachtet oder abgetastet werden. Man achtet dabei auf die Farbe der Schleimhaut, Schwellungen, andere Umfangsvermehrungen wie z.B. Warzen oder auch angeborene Verwachsungen (z.B. ein Frenulum persistens). Kann der Penis beim Deckakt nicht ausgeschachtet werden, gibt dies einen Hinweis auf schwerwiegende andrologische Probleme.
Die sanitarische Spülprobe
Im Zuge der sanitarischen Untersuchung von Besamungsstieren müssen auch Spülproben aus der Präputialhöhle entnommen werden. Diese werden auf den Deckseuchenerreger Tritrichomonas foetus untersucht. Vor der Entwicklung der künstlichen Besamung waren Trichomonaden in Herden mit Natursprungstieren, die sie von Kuh zu Kuh übertrugen, weit verbreitet und lösten oft grosse Abortprobleme aus.
Potentia coeundi
Gesunde Geschlechtsorgane sind eine wichtige Voraussetzung für einen «fruchtbaren Stier». Allerdings nicht die einzige. Damit ein Stier fruchtbar sein kann, muss er auch einen Geschlechtstrieb zeigen und springen.
Der Torbogenreflex
Als Schlüsselreiz zur visuellen Stimulierung des Stiers genügt das sogenannte «Torbogenschema», also der Umriss der Hinteransicht einer Kuh. Daher können die meisten Stiere problemlos auf einem Phantom abgesamt werden.
Reize über den Geruchssinn
Kann sich der Stier zusätzlich durch den Geruch eines lebenden Deckpartners stimulieren, erleichtert das die Samengewinnung. Ein Besamungsstier assoziiert im Laufe der Zeit den Geruch eines Standstiers mit ihr. Im Sinne einer operanten Konditionierung lernt er dies.
Impotentia coeundi
Wenn ein Stier nicht springen kann oder nicht springen mag, können unterschiedliche Ursachen zu Grunde liegen.
Am häufigsten ist dies bei Erkrankungen des Stiers der Fall:
- entzündliche Prozesse an den Geschlechtsorganen
- schmerzhafte Veränderungen (z.B. Blutergüsse) an den Geschlechtsorganen
- schmerzhafte Erkrankungen an den Klauen oder an Gelenken
Samenanalyse
Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt des «fruchtbaren Stiers» ist seine Samenqualität.
Die Qualitätsparameter
Verschiedene Qualitätsparameter werden zur Analyse herangezogen – u.a.:
- Ejakulatsvolumen und – dichte
- Beigemischte Zellen im Ejakulat (z.B. Vorstadien ausgereifter Spermien, Blut- oder Eiterzellen, Schleimhautepithelzellen etc.)
- Vorwärtsbeweglichkeit der Spermien
- Spermienmorphologie (Gestalt der Spermien, Fehlbildungen)
Spermien
Die Spermien des Stiers: Eine Übersicht über Aufbau, Funktionen, Rezeptoren, Enzyme und Vorwärtsbeweglichkeit der Samenzellen.
Film - tote Spermien
Ejakulat mit nur wenigen vorwärtsbeweglichen Spermien. Es ist nicht geeignet für Tiefgefrier-Sperma und wird deshalb im Samenlabor entsorgt.
Film - Lebende Spermien
Tiefgefrorenes Stiersperma: Wichtig für eine erfolgreiche Besamung sind mindestens 75 % motile Spermien im Rohejakualt vor der Verarbeitung.
Film - Geschlechtsorgane Stier
Die Lage und Verbindung der Harn- und Geschlechtsorgane bei einem Stier: Die männliche Anatomie im Überblick.
