Besamungsstiere
Welchen Werdegang hat ein Stier, mit dem für die künstliche Besamung Samen produziert wird?
Welche Bedingungen muss er erfüllen?
Es braucht auf vielen Stufen KnowHow, damit eine Besamungsorganisation wertvolles, sicheres und befruchtungsfähiges Tiefgefriersperma von einem Stier produzieren kann.
Bedürfnisse der Landwirte
Je nach Ausrichtung ihres Betriebs wählen Landwirte die Stiere im Angebot einer Besamungsorganisation aus. Die Stiere und ihre genetischen Eigenschaften müssen zum jeweiligen Betriebsziel passen, damit sich die Herde züchterisch in die richtige Richtung entwickeln lässt. Die Erwartungen der Kunden können sich von Zeit zu Zeit ändern.
Gemeinsame strategische Entscheide
Die züchterische Auswahl der Besamungsstiere ist in der Schweiz nicht die alleinige Verantwortung der Besamungsorganisation. Die strategischen Entscheide hierfür trifft der Fachausschuss Genetik (FAG) jeder Rasse. Diese Gremien setzen sich aus Vertretern von Swissgenetics und des jeweiligen Zuchtverbands zusammen.
Die Stierenmutter
Konkret beginnt die Karriere eines Besamungsstiers in den meisten Fällen bereits mit der Selektion seiner Mutter - und einem passenden Anpaarungsvorschlag eines Sire-Analysten. Die Grundlagen für die Auswahl der geeigneten Kühe als Stierenmütter sind die Zuchtwerttabellen der Zuchtverbände.
Anpaarungsvorschlag
Die Sire-Analysten schlagen den Besitzern einen aktuellen Stierenvater für die Anpaarung ihrer Kühe vor. Dazu nutzen sie moderne Hilfsmittel, wie Anpaarungsprogramme, in denen die Zuchtwerte von Kuh und Stier «verrechnet» werden.
Die Geburt des Stiers
Wird aus dem Anpaarungsvorschlag eines Sire-Analysten schliesslich ein Stierkalb geboren, gibt der Züchter Bescheid. Wenn die Geburtsmeldung zeitnah geschieht, können weitere Abklärungen frühzeitig beginnen, z.B. die genomische Analyse und bei den Hauptrassen die Gen-Tests auf Erbfehler.
Genomische Probe
Schon kurz nach der Geburt wird dem Kalb eine Probe für die genomische Untersuchung entnommen. Bei der genomischen Selektion werden anhand tausender Genmarker (SNPs) die Zuchtwerte geschätzt. Genomische Zuchtwerte haben bei Kälbern eine höhere Sicherheit als die traditionellen Abstammungs-Zuchtwerte.
Arbeitsanleitung für die Entnahme einer Haarprobe
Gentests auf Erbfehler
Alle Krankheiten, die genetisch weitergegeben werden können, sind zuchthygienisch relevant. Immer mehr solche Erbfehler können v.a. bei den Hauptrassen in Gen-Markertests nachgewiesen werden. Erbfehler-tragende Stiere werden nicht von Besamungsstationen angekauft. Daher hat man die bekannten Anomalien heute weitestgehend im Griff.
Unsere Empfehlung
Auf den Webseiten der Schweizer Zuchtverbände findest Du weitere Informationen zu den rassespezifischen Gen-Marker-Tests
- Gen-Marker des Braunviehs (nur auf deutsch)
- Gen-Marker von Holstein, Red Holstein, Swiss Fleckvieh und Simmentaler
Angeborene Anomalien
Leider gibt es solche Gentests-Tests nicht für alle vererblichen Defekte - wenn nämlich die zu Grunde liegende Genmutation oder ihr Vererbungsmuster noch unbekannt sind. Viele Anomalien kann man jedoch direkt am Tier erkennen. Eine solche schliesst einen Stier von der Samenproduktion aus. Er wird nicht von der Besamungsorganisation angekauft.
Zuchthygienische Untersuchung
Kurz nach der Verstellung an die Aufzuchtstation findet schliesslich eine gründliche klinische Untersuchung der Stiere auf mögliche ererbte Anomalien durch eine Stationstierärztin statt. Gibt es Hinweise auf eine Erkrankung mit genetischem Hintergrund, wird der Stier von der Samenproduktion ausgeschlossen.
Die häufigsten Anomalien
Durch eine gründliche, klinische Untersuchung entdeckt die Stationstierärztin ab und zu eine Missbildung an einem Kalb. Zum Glück ist diese Situation alles in allem selten.
Sie untersucht jeden Stier auf:
Missbildungen am Herz
Das Abhören der Herztöne kann Hinweise auf einen angeborenen Herzfehler geben. Die häufigste Missbildung am Kälberherz ist ein Loch in der Herzscheidewand (Ventrikelseptumdefekt)
Missbildungen am Nabel
Der Erbgang eines Nabelbruchs ist noch ungeklärt. Man vermutet jedoch, eine dominante Vererbung. Daher wird auf eine Bruchpforte und auch auf Entzündungen am Nabel speziell geachtet.
Missbildungen des Kopfes
Die Zähne des Unterkiefers müssen auf die Gaumenplatte treffen. Sonst ist der Unterkiefer verkürzt. Betroffene Tiere können schlechter fressen. Die Fehlbildung vererbt sich dominant.
Missbildungen des Auges
Eine Trübung der Linse (Katarakt) kann ererbt sein oder durch eine Infektion während der Trächtigkeit entstehen. Tiere mit Augendefekten werden generell von der Samenproduktion ausgeschlossen.
Den Stier im Blick – Die Eintrittsuntersuchung der Stierkälber
Du möchtest wissen, wie die angekauften Stiere untersucht werden? Unser Video zeigt Dir, was die Stationstierärztin bei der Eintrittsuntersuchung überprüft: Gibt es Gründe, die gegen einen späteren Einsatz in der Besamung sprechen?
Seuchenhygienische Quarantäne
Alle Besamungsstationen unterliegen einer strengen staatlichen Tierseuchenüberwachung. Denn viele Krankheitserreger könnten über Sperma und Samenpailletten verbreitet werden. Um dies zu verhindern, brauchen die Stiere einen SPF-Status (spezifisch-pathogen-frei). Die EU-Richtlinie EU88/407/EWG regelt dies.
Die sanitarische Untersuchungen beim Eintritt des Stiers
Status des Herkunftsbetrieb
Der Herkunftsbetrieb eines Stiers muss amtlich anerkannt frei von Tierseuchen sein.
Untersuchung des Stiers
Maximal 28 Tage vor dem Umzug zu Swissgenetics wird der Stier per Blutprobe auf übertragbare Krankheiten untersucht.
Quarantäne auf der Station
Die Quarantäne dauert 28 Tage. Währenddessen darf kein Kalb eingestallt oder aus der Gruppe herausgenommen werden.
Umzug in den Aufzuchtstall
Erst nach der Schlussuntersuchung wird die Quarantäne aufgehoben. Die Stiere dürfen den Stall wechseln.
Selektion nach dem Exterieur
Damit ein Stier ins Herdbuch aufgenommen wird, muss er vom entsprechenden Zuchtverband anerkannt sein. Zum Abschluss der Aufzucht werden daher alle Stiere von den Experten der Verbände beurteilt (Körung 1). Ziel ist es, nur die wertvollsten Jungstiere in die Samenproduktion zu nehmen.
Die Stierenhaltung auf den Stationen
Die Ställe für die Stiere
Hohes Tierwohl in verhaltens- und artgerechten Ställen für die Stiere ist eine Grundvoraussetzung für eine gute Samenproduktion. Stress aller Art würde sich negativ auf die Samenqualität auswirken.
Freilaufhaltung
Die artgerechteste Haltungsform ist die die Freilaufhaltung in der Gruppe. In der Aufzucht und in der Wartehaltung steht deshalb dieses System im Vordergrund. Bei Stieren, mit denen täglich gearbeitet wird, ist die Doppel- oder Einzelaufstallung geeigneter.
Stierenhaltung bei Swissgenetics
Hier geben wir Dir einen Einblick in unsere Stallungen. Alle Boxen für die Stiere bei Swissgenetics sind in gleicher Bauweise strukturiert: Es sind Mehrflächenboxen mit einem Fress- und Bewegungsbereich auf Gummimatten und einer eingestreuten Liegefläche.
Die Stierenhaltung auf der Aufzuchtstation
Geschlossene Quarantäne
Die Quarantäneeinheit muss für die Dauer einer Quarantäne autark betrieben werden können. Für diese Zeit benötigte Futtermittel etc. werden vor dem Einstallen der Stierkälber eingelagert.
Aufzucht in der Gruppe
Nach der Quarantäne zügeln die Jungstiere in eine Gruppenbox des Aufzuchtstalls. Die Haltung in der Gruppe fördert das Sprungverhalten und hilft bei der Sozialisierung.
Lernen in der Doppelbox
Die Stiere werden dann nach Gewicht, Grösse und Charakter zu Pärchen sortiert und beziehen eine Doppelbox. Sie gewöhnen sich an den engen Umgang durch die Pfleger.
Pärchenweise zusammen
Die Stiere bleiben, wann immer möglich, als Pärchen zusammen: Sie werden gemeinsam in Langnau verladen, nach Mülligen transportiert und dort wieder in eine ähnliche Doppelbox eingestallt.
Stierenhaltung während der Samenproduktion
Boxendesign
Die Boxentüren öffnen sich nach vorne zum Futtertisch. So können die Stiere einfach und sicher aus den Boxen herausgeführt werden.
Mechanisierung
Die Fütterung und die Entmistung der Boxen sind weitgehend mechanisiert. Das dient zum einen der Arbeitseffizienz, zum anderen der Sicherheit der Pfleger.
Einzelboxen
Ab einem gewissen Alter sind Stiere in Einzelhaltung zufriedener. Dann werden die Stierenpärchen getrennt. So vermeidet man Verletzungen durch Rangkämpfe.
Altstierenstall
Altstiere oder Stiere mit einem Handicap haben Einzelboxen - teilweise mit Auslauf ins Freie. Ihre Struktur ist dieselbe: Liegefläche, Laufbereich und Fressplatz.
Arbeitssicherheit
Produktionsstiere müssen handzahm sein. Trotzdem kann der tägliche Umgang mit grossen Stieren auch gefährlich werden. Es passieren leider immer wieder Arbeitsunfälle – vor allem mit Stieren in privater Hand, aber auch in der Samenproduktion. Die Sicherheit der Stierenpfleger hat auf Besamungsstationen hohe Priorität.
Verschliessbare Bereiche
In Gruppenboxen können Stiere in einen Bereich eingeschlossen werden, während in der Box z.B. gemistet wird.
Stabiles Fanggitter
Jeder Stier muss einzeln in einem Fanggitter fixiert und sicher aus der Box geführt werden können.
Massive Rohre
Die Boxeneinrichtung besteht aus massiven Rohren. Sie müssen der Kraft eines Stiers standhalten.
Sichere Fluchtmöglichkeiten
Nach allen Seiten bestehen Fluchtöffnungen für die Pfleger in den Boxen. Auch die Führwege und Sprunghalle sind gesichert.
Breite Gänge
Stallgänge, Tore und Durchgänge, die mit den Stieren passiert werden, müssen rutschsicher und breit genug sein.
Ruhiger Umgang
Das Verhalten der Pfleger mit den Stieren ist der wichtigste Punkt der Arbeitssicherheit: ruhig, vertrauensvoll - aber mit dem nötigen Respekt.
Neue Stallungen bei Swissgenetics in Mülligen
Swissgenetics Mülligen hat neue Stallungen für die Stiere gebaut. Alle Stiere verfügen über genügend Platz in 2er Boxen. Diese wurden nach den neuesten Erkenntnissen der Tierhaltung gebaut. Reinigung und Fütterung sind weitgehend automatisiert. Die moderne Solaranlage auf dem Stalldach produziert weit mehr Strom als die ganze Stierenanlage verbraucht.
Auch auf anderen europäischen Besamungstationen werden Stiere nach diesen neuesten tierfreundlichen Standards gehalten – wie Beispiele aus Deutschland oder den Niederlanden zeigen.
Seuchenprävention
Sanitarische Sicherheit
Die Stallungen auf Besamungsstationen sind nicht für den Publikumsverkehr zugänglich.
Das Risiko eines Eintrags von Keimen und Seuchenerregern wäre viel zu hoch. Personen, die den Stall betreten dürfen, müssen eine Karenz von 72 Stunden einhalten, duschen und betriebseigene Kleidung benutzen.
Stierenfütterung
Die Stierenfütterung auf der Aufzuchtstation
Eine raufutterbetonte Fütterung lässt Stiere harmonisch wachsen und sich nachhaltig entwickeln. Eine wichtige Voraussetzung für beste Samenqualität und Fitness bis ins hohe Alter.
Erste Aufzuchtphase
Die Stierkälber stammen aus Herkunftsbetrieben mit unterschiedlicher Fütterung. Um eine Wachstumsdepression nach dem Eintritt zu vermeiden, bekommen sie eine schmackhafte heubasierte Ration.
Zweite Aufzuchtphase
Um eine konstante Fütterung mit einer genügenden Nährstoffdichte und Strukturwirkung zu erreichen, wird in der Aufzucht eine energiedichte aber strukturreiche TMR mit gefüttert.
Die Stierenfütterung in der Samenproduktion
Die Ration für die Produktionsstiere soll ihre Zuchtkondition und ihre Gesundheit erhalten. Andererseits muss sie aber auch sättigen und Beschäftigung bieten. Alle auf den Stationen eingesetzten Futtermittel sind mikrobiologisch top und haben eine gute Strukturwirkung. Über BCS und die Tageszunahmen kontrolliert man regelmässig, ob die Rationen wirken, wie sie geplant sind.
Die Ration der Jungstiere
Jungstiere, die noch stark im Wachstum sind, erhalten eine TMR, die vom Energiegehalt her mit einer Mischung für Milchkühe verglichen werden kann.
Die Ration für Stiere mittleren Alters
Die TMR der Stiere, die zwischen 700 und 900kg wiegen, enthält weniger Energie.
Die Ration für Altstiere
Die TMR für Altstiere enthält mehr älteres Heu und Stroh. Alle Stiere müssen rund um die Uhr Futter vorfinden.
Den Stier im Blick - Die Stierenfütterung bei Swissgenetics
Auf dem Produktionsbetrieb Mülligen füttert Swissgenetics eine intensive, aber raufutterbetonte Ration. Die Stiere müssen rund um die Uhr fressen. Das verhindert Futterstress, sorgt für Beschäftigung und eine gute Pansenverdauung. Gefüttert werden drei verschiedene Mischungen. Für jede Altersgruppe eine.
In Mülligen gibt es dem Alter und den Bedürfnissen der Stiere entsprechend drei verschiedene Mischungen, die vormittags vorgelegt werden und die bis zum nächsten Morgen gefressen sind. In der Früh gibt es für alle Stiere zusätzlich etwas Heu zur Beschäftigung. Dass alle Stiere rund um die Uhr Futter vorliegen haben, verhindert Futterstress und sorgt für Beschäftigung und eine gute Pansenverdauung.
Die Wartehaltung
Warten aufs Ergebnis
Auf der Wartehaltungsstation von Swissgenetics in Bütschwil stehen momentan rund 200 Stiere, die nach der ersten Samenproduktion auf das Ergebnis der Nachzuchtprüfung warten. Bei positivem Zuchtentscheid werden sie nach ca. 4 Jahren wieder zurück in die Samenproduktion verstellt.
Der Stall in der Wartehaltung
Die Wartestiere sind meist deutlich älter als zwei Jahre, wenn sie auf die Station kommen. Stiere, die sich für die Gruppenhaltung eignen, werden in Gruppenboxen untergebracht - die anderen beziehen Einzelboxen.
Die Fütterung von Wartestieren
Die Altstiere in der Wartehaltung erhalten gut strukturieres Futter mit einer guten Strukturwirkung (z.B. reiferes Heu und Grassilagen, Stroh). So behalten sie ihre Zuchtkondition und bleiben gesund
Film - Hygienische Samenproduktion
Hygienische Samendosen: Swissgenetics setzt auf strikte Reinigung und Sterilisation nach jedem Arbeitstag für optimale Befruchtungsqualität.
Andrologie
Erfahren Sie alles über die männlichen Geschlechtsorgane und die Fruchtbarkeit von Stieren für eine erfolgreiche Zucht.
Film - Stierenfütterung
Erfahren Sie, wie Swissgenetics auf dem Betrieb in Mülligen eine raufutterbetonte, stressfreie Fütterung für optimale Tiergesundheit umsetzt.
Film - Eintrittsuntersuchung der Stierkälber
Sorgfältige Untersuchung der Stierkälber bei ihrem Eintritt in die Aufzuchtstation von Swissgenetics für gesunde, leistungsfähige Nachkommen.
