Vorbericht
Zu jeder gründlichen medizinischen Untersuchung gehört das Erfragen der Vorgeschichte (Anamnese). Unser Erfahrung zeigt, dass sich Berufsanfänger (Besamungstechniker und Besamungstechnikerinnen, aber auch VetStudis) in der Kommunikation mit den Tierbesitzern oft schwertun und den Sinn hinter «dieser Fragerei» nicht immer erkennen.
Wirtschaftlich handeln
Wenn der Besamungsdienst die Vorgeschichte einer Kuh kennt, spart das bares Geld. Nur dann können nämlich wirtschaftlich-sinnvolle Entscheidungen getroffen werden. Zwei, drei Fragen an den Tierbesitzer helfen Dir zu erkennen, ob Du es mit einem Problemfall zu tun hast, der weiteres Nachforschen und Untersuchungen braucht oder ob alles ist, wie es sein sollte und die Erfolgsaussichten gut sind.
Gutes Timing
Um den Kunden gut beraten zu können, ist es wichtig die Fragen frühzeitig zu stellen. Nur dann kann man z.B. eine ausführlichere Voruntersuchung vorschlagen oder den passenden Samen für Sonderfälle auswählen.
Offene Fragen
Die besten Antworten und den einfachsten Einstieg in ein Gespräch bieten offene Fragen. Diese beginnen mit:
- Warum … ?
- Wie … ?
- Was … ?
- Beschreibe, …
Der Züchter muss auf diese mit einem vollständigen Satz antworten. Ein Gespräch hat begonnen.
Einstiegsfragen
Um das Optimum an Informationen zu erhalten, ist es gut immer mit denselben Fragen zu beginnen, zum Beispiel nach den aktuellen Brunstzeichen zu fragen: «Wie stark hat sie sich gezeigt?» – in der Regel ergibt sich danach ein nützliches Gespräch.
Freundlich, interessiert
Dein eigenes Auftreten und Deine Körpersprache sind wichtige Teile der Kommunikation mit den Kunden. Es soll sich ein Gespräch entwickeln und keine einseitige Kundenbefragung oder ein unangenehmes Verhör geführt werden.
Eine Auswahl guter Fragen
Mit diesen Fragen kommst Du am besten zu den Informationen, die Du tatsächlich benötigst. Natürlich braucht es aber auch etwas Geschick in der jeweiligen Situation auf die Antworten Deines Gegenübers zu reagieren.
Erst- oder Nachbesamung
Warum interessiert es Dich, ob es eine Erst- oder Nachbesamung ist?
- Bei Verdacht auf ein Problemtier mit Fruchtbarkeitsstörungen braucht es weitere Voruntersuchungen
- Speziell hartnäckiges Umrindern braucht weitere Voruntersuchungen
Fragen
- «Ist es eine Erstbesamung?»
- «Ist es das erste Mal?»
- «War sie schon öfters besamt?»
- «Wie oft war sie schon besamt?»
Die aktuelle Brunst beurteilen
Warum interessiert Dich das aktuelle Brunstgeschehen?
- Richtiger Besamungszeitraum
- Deutliche Brunst = besseres Ergebnis
- Bei stiller Brunst: Weitere Voruntersuchung ist nötig.
Fragen
- «Ist das Tier deutlich stierig?»
- «Was hast Du gesehen?»
- «Was hat sie gezeigt?»
- «Wann ist sie zum ersten Mal aufgefallen?»
- «Wann ist sie zum ersten Mal gestanden?»
- «Wie ist der Heatindex?» (bei automatischer Brunsterkennung im Betrieb)
Den Zyklus beurteilen
Warum interessiert Dich der Zyklus?
- Regelmässige Brunst = bessere Chancen
- Unregelmässiger Zyklus: Weitere Voruntersuchung sind notwendig
Fragen
- «Ist sie zum ersten Mal stierig?»
- «Hast Du sie vor drei Wochen schon gesehen?»
- «Hat sie die drei Wochen eingehalten?»
- «Wie war die Brunst vor drei Wochen?»
Die Rastzeit beurteilen
Bei Erstbesamungen ist der Abstand zur letzten Kalbung interessant, denn:
- Rastzeit < 60 Tage = schlechterer Erfolg
- Lange Rastzeit: Verdacht auf Fruchtbarkeitsstörungen wie Azyklie. Gründe für lange Wartezeit erfragen.
Manchmal ist das Kalbedatum auch offensichtlich notiert, z.B. auf der Stalltafel oder auf der Besamungskarte.
Fragen
- «Wann hat sie gekalbt?»
Geburtsverlauf
Kühe nach problemloser Geburt können früher wieder besamt werden.
- Kühe nach problemloser Geburt können früher wieder besamt werden.
- Kühe nach Schwergeburt haben generell schlechtere Erfolgschancen.
- Nach Geburtsstörungen sind weitere Untersuchungen notwendig: Hat sich die Gebärmutter bereits wieder erholt?
Fragen
- «Wie hat sie gekalb?»
- «Ist bei der letzten Geburt alles gut gegangen?»
- «Hat sie alleine gekalbt?»
Nachgeburtsphase
Warum interessiert, wie die Tage nach der Geburt verliefen?
- Kühe nach problemloser Geburt können früher wieder besamt werden.
- Kühe, die nach dem Kalben krank waren, haben generell schlechtere Erfolgschancen.
- Nach Nachgeburtsstörungen sind weitere Untersuchungen notwendig: Hat sich die Gebärmutter bereits wieder erholt?
Fragen
- «Gab es Komplikationen nach der Geburt?»
- «Ist die Nachgeburt abgegangen?»
- «War sie nach dem Kalben fit?»
- «Gibt sie schön Milch von Anfang an?»
Erkrankungen des Geschlechtsapparates
Vor allem, wenn die Geburt schon lange zurückliegt, stellt sich die Frage, warum lange gewartet wurde. Warum interessieren gynäkologisch Erkrankungen?
- Kühe mit gynäkologischen Problemen haben generell schlechtere Erfolgschancen.
- Sind die Probleme jetzt behoben?
- Mit einer sanitarischen Überzugshülle kann der Besamungserfolg z.B. nach einer Spiralen-Behandlung oder bei Kühen mit Senkscheiden verbessert werden.
Fragen
- «Ist sie sauber?»
- «Wurde sie in irgendeiner Form behandelt?»
- «Hatte sie eine Fruchbtarkeitsbehandlung?»
Aufs Gesamtbild kommt es an
Die Entscheidung für oder gegen eine Besamung ergibt sich dann aus der Summe der Antworten und dem eigenen Bild, das Du Dir von der Kuh machst.
Für eine «Urteilsfindung» brauchst Du zusätzlich:
- die Beurteilung von aussen
- eine rektale Voruntersuchung
- in Sonderfällen eine vaginale Untersuchung
Gynäkologische Untersuchung
Die gynäkologische Untersuchung bei Kühen: Diese Schritte braucht es für eine Diagnose und die Beurteilung der Besamungstauglichkeit
Film - Samenübertragung mit sanitarischer Überzugshülle
Sanitarische Überzugshüllen schützen beim Besamen die empfindlichen Spermien und die Gebärmutter – optimal bei erhöhtem Risiko.
Besamungstauglichkeit
Mit den richtigen Untersuchungsmethoden lässt sich die Besamungstauglichkeit der Tiere feststellen. So werden Misserfolge verhindert.
