Das ungeborene Kalb
Der Trächtigkeitsverlauf hat Auswirkungen auf das Kalb: Seine Gesundheit, seine Grössenentwicklung und seine spätere Leistung werden beeinflusst. Welche Anhaltspunkte gibt es für einen optimalen Start?
Valérie Piccand (TORO 04/13)
Dass Kinder vom Schwangerschaftsverlauf in ihrer späteren Entwicklung beeinflusst werden, ist hinlänglich bekannt. Eigentlich logisch: Bei Rindern ist das ähnlich. Allerdings steckt die Forschung hierzu noch in den Kinderschuhen. Praxistipps, wie die Entwicklung und die Gesundheit des ungeborenen Kalbs, zum Beispiel über die optimale Versorgung der Kuh, beeinflusst werden, gibt es dennoch.
Für die Gesundheit und die Laktationsleistung der Kuh sowie für das frischgeborene Kalb ist eine schnelle Geburt ohne menschlichen Eingriff optimal. Kälber, die eine schwere oder lange Geburt durchstehen mussten, sind dagegen Risikokandidaten für Durchfalls- oder Lungenerkrankungen in den ersten vier Lebensmonaten. Sie brauchen länger, bis sie aufstehen und Biestmilch trinken, ein zusätzlicher negativer Faktor.
Stress vermeiden
Ein stressfreies Umfeld für die Kuh beginnt mit einem einfachen und ausreichenden Zugang zu Futter, Wasser, Ruhe und Kontakt zu den Artgenossinnen. Durch die Domestizierung sind unsere Kühe zwar relativ stressresistent geworden. Permanenter Stress wie Überbelegung oder mangelnde Fressplätze wirkt jedoch negativ auf die Kuh und ihr ungeborenes Kalb. Auch Transporte sind immer grosser Stress. Idealerweise sollten trächtige Tiere so wenig und so kurz wie möglich transportiert werden.
Gesunde Mutter = gesundes Kalb
Untersuchungen zeigen: Kälber, deren Mütter hohe Zellzahlen hatten oder während der Galtphase an einer Euterentzündung erkrankten, sind bei der Geburt oft leichter. Auch die Krankheitsanfälligkeit Insbesondere bezüglich Lungenerkrankungen ist in diesen Studien bei Kälbern von Kühen, die während der Trächtigkeit krank waren, höher. Ausserdem legen sie bis zum Absetzen weniger an Gewicht zu. Für die spätere «Laufbahn» einer Kuh sind diese ersten Lebenswochen aber bereits ein entscheidender Zeitraum. Die Entwicklung, die während der ersten sechs Lebensmonate eingebüsst wurde, kann danach zur schwer aufgeholt werden. Auch die Sterblichkeitsrate ist bei Kälbern mit niedrigem Geburtsgewicht grösser als bei normalgewichtigen Kälbern. Verhindert man also Erkrankungen der Kuh während der Trächtigkeit (Klauenleiden, chronische und akute Euterentzündungen, Parasiten etc.), kümmert man sich gleichzeitig um das Wohl des Kalbs!
Die Kuh versorgt das Kalb
Ab der Befruchtung beeinflusst die Fütterung der Kuh den Embryo und den Fötus. Während des ersten Drittels der Trächtigkeit, wenn der Bedarf des Kalbs an Energie und Eiweiss selbst noch gering ist, kann die Fütterung der Mutter seine Gesundheit beeinflussen. Auch hier zeigen Untersuchungen: Kälber, deren Mütter in den ersten zwei Dritteln der Trächtigkeit an Gewicht verloren haben, haben schlechtere Tageszunahmen und sind krankheitsanfälliger. Allgemein sollte eine Milchkuh, die korrekt gefüttert wird, abgesehen vom frühen Laktationsstart, kein Gewicht verlieren. Trotzdem können Hochleistungskühe oder solche, die restriktiv gefüttert werden, über einen längeren Zeitraum Körpermasse abbauen, auch über den Anfang der Trächtigkeit hinaus. Diese Situation ist gemäss Wissenschaft wahrscheinlich nicht optimal. Es lohnt sich, mit der Besamung eher zuzuwarten, bis die Kuh wieder Gewicht zulegt, was auch einer besseren Fruchtbarkeit dient. Grundvoraussetzung hierfür: Kontrollieren und notieren Sie die Körperkondition Ihrer Kühe regelmässig, damit Sie merken, wer wann Körpermasse auf- oder abbaut.
Die Galtphase: Zeit der Veränderungen
Während der beiden letzten Trächtigkeitsmonate finden 75 % des Wachstums des Kalbs statt. Die Galtphase der Kuh ist daher eine entscheidende Zeit. Damit die Kuh in optimaler Körperkondition abkalbt (BCS-Note: 3.00–3.25), darf sie bereits Ende Laktation nicht verfetten. Liess sich dies nicht verhindern, wäre es falsch, die Kuh während der Galtphase auf Diät zu setzen. Denn Gewichtsabnahme in der Trockenstehzeit bedeutet für das Kalb ein höheres Krankheits- und Todesrisiko und erhöht gleichzeitig die Gefahr für Stoffwechselstörungen der Kuh. Damit Stoffwechselstörungen Anfang Laktation in Grenzen gehalten werden, kann es sinnvoll sein, die Galtphase zu kürzen. Für eine gute Biestmilchqualität müssen die Kühe aber mindestens 30 Tage trockengestellt werden. Nur so kann das Kalb von optimalen Startbedingungen profitieren. Zur Milchfieberprophylaxe werden immer wieder anionische Salze («saure Salze») in der Galtration empfohlen. Dies ist heikel(!) und darf keinesfalls unkontrolliert geschehen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Kälber von Kühen, die mit sauren Salzen gefüttert wurden, werden häufig mit «metabolischer Azidose» (Übersäuerung des Stoffwechsels) geboren. Ein schlechter Start ins Leben. Hinsichtlich der Gesundheit des Kalbs ist mit sauren Salzen also Vorsicht geboten! Der Fötus und die Kuh brauchen aber nicht nur Energie und Eiweiss zur gesunden Entwicklung. Während der ganzen Trächtigkeit, speziell aber während der Galtphase, ist eine ausreichende Versorgung an Mineralsalzen, Spurenelementen und Vitaminen wichtig, sowohl für das Wachstum des Kalbs als auch für die Entwicklung der Euterzellen der Kuh und somit für eine hochwertige Biestmilch. Füttern Sie daher Ihre Galtkühe gezielt: Energiearm, aber mit gut konservierten Futtermitteln (z.B. Ökoheu guter Qualität) und ausreichend kalziumarmem Galtmineralstoff.
Fazit
Denken Sie bereits ab der Besamung ans Wohl Ihres zukünftigen Kalbs, indem Sie die Kuh gut betreuen. Nur optimale Bedingungen in Sachen Umwelt, Gesundheit und Fütterung der Kuh sorgen für ein gesundes Kalb – Ihr zukünftiges Rind. Über gut versorgte Kühe stellen Sie die Weichen.
Galtkuh und Kalb stärken
Der Curatop-Bolus versorgt Galtkühe mit Spurenelementen und Vitaminen, stärkt Immunität und Regeneration und fördert vitale Kälber zum Laktationsstart.
Mangel an Spurenelementen
Der Beitrag erklärt die Bedeutung von Spurenelementen in der Rinderfütterung und die richtige Ergänzung zur Vermeidung von Mangel und Überversorgung.
Geburtsbeginn
Der Geburtsbeginn beim Rind: hormonelle Auslöser, typische Anzeichen bei der Kuh und wichtige Einflussfaktoren wie Rasse, Stress und Trächtigkeitsdauer.
Epigenetik
Epigenetische Einflüsse in Trächtigkeit und Aufzucht prägen Stoffwechsel, Gesundheit und Langlebigkeit von Kälbern und können Risiken über Generationen verstärken.
