Verdauungssystem der Kuh
Von Z wie Zähne bis A wie After. In Etappen durch das Verdauungssystem der Kuh.
Dr. Léonie von Tavel
Welchen Weg nimmt ein Futterbissen durch den ausgeklügelten Verdauungstrakt einer Kuh? Tests und praktische Tipps zeigen, wie Sie ihn überwachen oder beeinflussen können. Frischen Sie Ihr Wissen über die ausgeklügelte Wiederkäuerverdauung auf!
Von Zähnen und Zunge
Mit ihrer überaus kräftigen Zunge reissen die Rinder das Gras wahllos ab bzw. packen das vorgelegte Futter. Kurze Futterpflanzen werden mit den acht scharfen Schneidezähnen (Schaufeln) des Unterkiefers gegen die zahnlose Hornplatte im Oberkiefer gedrückt und so quasi abgeschnitten.
Durch die wahllose Futteraufnahme kann auch Unverdauliches wie z.B. Nägel aufgenommen und verschluckt werden. Das Futter gelangt quasi unzerkleinert durch die dehnbare Speiseröhre in den Pansenvorhof.
Sortiert wird erst im Pansen
Der weitere Weg des Futterbissen im Verdauungssystem der Kuh ist nun sehr von seiner Struktur abhängig. Ein Bissen mit wenig Struktur (Kraftfutter, Rübenschnitzel etc.) bewirkt im Pansen eine kleine Dehnung und damit wenig Anregung der Pansenmotorik zur Durchmischung des Futterbreis. Der Bissen mit wenig Struktur hat daher eine hohe Passagerate und verbleibt nicht lange im Pansen. Ganz im Gegensatz zum Bissen mit wiederkäuergerechter Struktur. Dank der Struktur wird die Pansenschleimhaut gepiekt, was eine verstärkte Motorik und Futterumwälzung zur Folge hat.
Dadurch werden Bissen geformt, die reflektorisch via Pansenvorhof und der Muskulatur der Speiseröhre wieder ins Maul gelangen. Dort zermahlen die grossen Kauflächen der Backenzähne das strukturreiche Futter mit ca. 60 Schlägen pro Bissen.
Ebenso arbeiten jetzt die Speicheldrüsen im Maul-Rachen-Raum auf Hochtouren. Von ihnen werden bis 200 Liter Speichel täglich produziert. Der zerkleinerte Bissen gelangt nun eingespeichelt und gleitfähig wieder in den Pansen. Ein gesunder Panseninhalt ist in drei Phasen geschichtet: Eine feste Futtermatte in der Mitte, Flüssigkeit darunter und Gas oben. Das Pansengas wird jeweils über den Ruktus abgeatmet. Milliarden von Mikroorganismen schliessen das für die meisten Lebewesen unverdauliche zellulosehaltige Futter auf. Sie spalten es in Fettsäuren, wodurch es für das Tier verwertbar gemacht wird. Die wichtigsten Mikroorganismen fühlen sich bei einem Pansen-pH von ca. 6.5 am wohlsten. Der alkalische Speichel (pH ca. 8.5) neutralisiert die Säuren im Pansen – je mehr Speichel produziert wird, um so besser!
Netzmagen und Nagel
Nach 1–3 Tagen, in denen das Futter immer wieder wiedergekäut und im Pansen weiter aufgeschlossen wird, gelangt es in die Haube (Netzmagen). Mit rhythmischen Kontraktionen, in denen die Haube stark zusammengezogen wird, trennt sie feine Futterpartikel von gröberen. Sie siebt quasi den Nahrungsbrei und lässt nur Feinzerkleinertes in den Blättermagen weiter.
Der Blättermagen (Psalter) ist der letzte der drei Vormägen. Er resorbiert Wasser und Nährstoffe, indem das nun feine Futter durch Hunderte Schleimhautblätter gepresst wird wie Teig durch eine Nudelmaschine.
Labmagen
Im Labmagen laufen die gleichen Vorgänge ab wie im Magen eines Nichtwiederkäuers (z.B. beim Menschen oder Schwein). Die hier vorhandene Salzsäure senkt den pH auf ca. 3.0 und löst die noch vorhandenen Strukturen der Nahrungsbestandteile auf.
Dünndarm
Der Dünndarm ist ca. zwanzig Mal länger als das Tier, bei einer ausgewachsenen Kuh also ungefähr 50 Meter. Hier werden Eiweisse (APD = «Absorbierbares Protein im Darm») zu Aminosäuren, Kohlehydrate zu Einfachzuckern zerlegt und aufgenommen. Fett wird durch Gallensalze emulgiert, in kleinste Tröpfchen
zerlegt und ebenfalls über die Darmwand resorbiert. Der Futterbrei wird über peristaltische Wellen der Darmmuskulatur weiter transportiert.
Dickdarm
Anders als im Dünndarm ist der Dickdarm reich mit Bakterien besiedelt und nur wenige Meter lang. Dabei ist besonders der bei der Kuh mächtig entwickelte Blinddarm nochmals eine wirkungsvolle Gärkammer.
Der Dickdarm selbst saugt nochmals Wasser und Elektrolyte aus dem Verdauungsbrei. Dieser weist jetzt keine einzelnen Futterpartikel auf und präsentiert sich als Emulsion.
Im Mastdarm wird der Kot gesammelt und willentlich von der Kuh über den Afterschliessmuskel ausgeschieden. Die Etappen von den Zähnen bis zum After passiert ein Futterbissen in zwei bis drei Tagen.
