Züchterin Barbara erzählt von ihren Erfahrungen beim Enthornen: «Seit wir unseren Kälbern kurz vor dem Eingriff, zusätzlich Schmerzmittel geben, trinken sie nach dem Enthornen sofort wieder besser. Wir haben den Eindruck, dass auch das Abheilen weniger und weniger lange schmerzt. Mit Schmerzmitteln behandelte Kälber schütteln erfahrungsgemäss seltener den Kopf und sind auch später weniger kopfscheu.»
Schmerzen lindern
Kühe zeigen Schmerzen leise – sie zu behandeln lohnt sich trotzdem
Als potentielle Beutetiere zeigen Rinder Schwächen und Schmerzen möglichst unauffällig und leiden leise. Daher gelten sie landläufig als «schmerzresistent» und von Schmerzmitteln wird häufig abgesehen. Doch eine Therapie hat viele Vorteile.
Schmerzsensoren
Von der Anatomie her verfügen Kühe und Kälber jedoch über dieselben Sensoren und Nervenbahnen wie Menschen. Wahrscheinlich empfinden sie Schmerzen genauso wie wir – und vermutlich fühlen sie häufiger und grössere Schmerzen als wir ahnen.
Subjektiver Eindruck
Schmerzen können nicht objektiv gemessen werden. Es geht daher immer um die eigene Beobachtung, den persönlichen Eindruck und eine subjektive Einschätzung des Schmerzverhaltens.
Systeme schlagen Alarm
Da sich das Verhalten und die Futteraufnahme schon bei mässigen Schmerzen reduzieren, melden Herdenmanagementsysteme wie SenseHub® bereits in frühen Stadien von Erkrankungen Alarm.
Den Schmerz erkennen können
Diese Zeichen zeigen allgemeines Unwohlsein und Schmerz:
Schmerzgesicht
Durch die angespannte Gesichtsmuskulatur bilden sich Falten über dem Oberlid und an den Nasenlöchern, die Kuh blickt ins Leere.
Zähneknirschen
Kühe brüllen nicht vor Schmerz, sondern knirschen mit den Zähnen
Tiefe Augen
Bei kranken Kühen sinken die Augen in die Augenhöhlen ein.
Kalte Ohren
Kranke Kühe zentralisieren ihren Blutkreislauf. Deshalb werden die Ohren kühl, wenn sich die Kuh nicht wohlfühlt.
Angedrückte Nase
Kühe zeigen Kopfschmerzen, indem sie diesen fest an eine Wand, an Herdengenossinen oder an Gegenstände pressen.
Schwanz schlagen
Schmerzen im hinteren Körperbereich zeigt die Kuh durch Schwanz schlagen und Stampfen mit den Beinen.
Aufgezogener Bauch und Rücken
Bei Schmerzen im Bauch zieht die Kuh den Rücken und die Bauchdecke nach oben.
Abgestellter Schwanz
Pressdrang und ein abgehaltener Schwanz zeigen Schmerzen im Becken, z.B. vor (Wehen) oder nach der Geburt.
Kranke Gliedmassen führen zur Lahmheit
Der Bewegungsablauf und das Liegeverhalten geben Hinweise, wie schmerzhaft eine Verletzung oder Erkrankung an einem Bein ist und wo der Schmerz vermutlich sitzt. Wichtig ist, bereits das Anfangsstadium einer Lahmheit zu erkennen!
Separates Liegen
Wenn Kühe abseits der Herde liegen, gehen sie Konflikten aus dem Weg und können länger liegen bleiben. So vermeiden sie unnötige Bewegungen.
Zögerliches Aufstehen
Schmerzverdächtig sind Kühe, die sich nur langsam aus dem Liegen erheben.
Schrittlänge
Ein klammer Gang ist bereits ein Warnzeichen für eine geringgradige Lahmheit.
Vorgestelltes Bein
Das erkrankte Bein nach vorne zu stellen, entlastet es beim Stehen.
Entlastetes Bein
Um Schmerzen zu vermeiden, nimmt die Kuh weniger Gewicht auf das erkrankte Bein.
Gesenkter Hals
Indem sie Kopf und Hals nach untern hält, versucht die lahme Kuh trotz Schmerzen im Gleichgewicht zu bleiben.
Rückenlinie
Auch ein aufgezogener Rücken hilft der Kuh mit Problemen im Bewegungsablauf, das Gleichgewicht zu halten.
Schwellung
Geschwollene Gelenke sind entzündet und schmerzhaft.
Stützbeinlahmheit
Bei Kühen sitzen Ursachen für Lahmheiten meist an und um die Klauen. Sie haben dann Schmerzen, wenn sie ihr Körpergewicht auf der erkrankten Stelle tragen müssen und zeigen eine sog. «Stützbeinlahmheit».
Mehr zu schmerzhaften Klauenerkrankungen:
- Stallklauen
- Mortellaro
- Grippeli (Panaritium)
- Limax
- Sohlenblutung
- Sohlengeschwür
Hangbeinlahmheit
Bei einer «Hangbeinlahmheit» bereitet den Kühen das Heben und Vorwärtsbewegen des Beins Probleme – dann sitzt der Schmerz in den oberen Regionen, z.B. am Buggelenk des Vorderbeins oder am Becken.
Mögliche Ursachen für eine Hangbeinlahmheit:
- Scheuerstelle am Hüfthöcker
- Druckstelle am Buggelenk
Kälber mit Schmerzen
Auch Kälber zeigen Schmerzen nur stumm. Es braucht eine gute Beobachtung, um diese frühzeitig zu erkennen.
Trinkschwäche
Trinkt ein Kalb nicht oder nicht richtig, ist das immer ein erstes Zeichen, dass etwas nicht stimmt.
Zähneknirschen
Auch Kälber brüllen nicht vor Schmerz, sondern knirschen leise mit den Zähnen.
Schmerzgesicht
Wie Kühe spannen auch Kälber bei Schmerzen ihre Gesichtsmuskeln an, weshalb dort Falten zu sehen sind – auch sie hören bei Schmerzen «in sich hinein.
Vermehrtes Liegen
Kranke Kälber liegen viel – wenn das auffällt, unbedingt Fieber messen.
Harter Bauch
Eine gespannte Bauchdecke ist ein Zeichen für Bauchschmerzen – unbedingt eine Nabelentzündung ausschliessen!
Koliksymptome
Wenn Kälber unruhig mit den Beinen stampfen, sich immer wieder ablegen und aufstehen, haben sie Probleme mit dem Verdauungsapparat (Durchfall oder Schlimmeres).
Eingefallene Augen
Kälber mit Durchfall trocknen schnell aus – ihre Augen sinken dadurch in die Augenhöhle ein.
Zeichen für Atemnot
Kälber mit hochgradiger Atemnot drohen zu ersticken! Sie brauchen dringend tierärztliche Hilfe.
Schmerzhafter Eingriff: Enthornen
Die Entfernung der Hornanlagen ist für ein Kalb schmerzhaft. Sie ist in der Schweiz daher nur bei Kälbern unter drei Wochen und unter einer vorgeschriebenen Schmerzausschaltung (Sedation, lokale Leitungsanästhesie) zulässig.
(Be)handeln rechnet sich
Schmerzbehandlung bei Rindern war in der Vergangenheit nie ein grosses Thema. Doch Schmerzmittel machen sich bezahlt und sind bei beeinträchtigten Tieren nicht nur aus ethischen und tierschutzrechtlichen Gründen wichtig:
- Sie verbessern das Allgemeinbefinden und
- Sie steigern die Futteraufnahme und
- Sie erhöhen die Leistung
Wie stark ist der Schmerz?
Ob jemand einen Entscheid «Pro-Schmerzmittel» trifft, ist von einem wichtigen Faktor abhängig: Wie stark schätzt die Person, die Schmerzhaftigkeit einer Erkrankung oder eines Eingriffs überhaupt ein – und hier gibt es erstaunliche Unterschiede.
- Frauen beurteilen Schmerzen stärker als Männer
- Frauen halten mehr tierärztliche Eingriffe für schmerzhaft an als Männer
- Frauen gehen bei mehr Erkrankungen von Schmerzen aus als Männer
- Frauen (Tierärztinnen und Landwirtinnen) greifen deshalb für ihre Tiere schneller zu Schmerzmittel als Männer
Schmerzmittel in der Praxis
- Schmerzmittel grundsätzlich nur mit tierärztlicher Verschreibung
- Tierarzneimittelvereinbarung (TAM-V): Bezug der Schmerzmittel in der Tierarztpraxis und Anwendung nach Vorschrift möglich, wenn regelmässige Betriebsbesuche erfolgen.
- Dokumentation von Abgabe, Verwendung und Vorrat im Behandlungsjournal und
- Schmerzmittel können Nebenwirkungen wie Labmagengeschwüre verursachen
- Medikamente nur in korrekter Dosierung und über begrenzte Zeitdauer einsetzen
Schmerzmittel ist nicht gleich Schmerzmittel! Es ist gut sich vor dem Einsatz mit den unterschiedlichen Stoffen auseinanderzusetzen.
- Nichtsteroidale Entzündungshemmer (NSAID – non steroidal anti inflammatory drug):hemmen im ganzen Körper gegen Botenstoffe, die bei Entzündungen entstehen und Schmerzreize auslösen. Sie senken Fieber und sorgen für weniger Sensibilität an den Schmerzrezeptoren des Nervensystems.
- Steroidale Schmerzmittel («Kortison»):
gehören ausschliesslich in tierärztliche Hände, da sie als Hormone auf den Stoffwechsel wirken und z.B. auch Fehlgeburten auslösen können. - Lokalanästhetika:
betäuben Nerven direkt, so dass dort kein Schmerzreiz weitergeleitet wird. Sie werden zur örtlichen Betäubung eines Operationsfelds oder beim Enthornen verwendet. - Spasmolytika:
wirken krampflösend und somit schmerzlindernd im Magen-Darm-Trakt zum Beispiel bei Koliken oder starken Durchfällen. - Sedativa:
stellen das Tier ruhig. Bei höherer Dosierung legen sich die Tiere hin.
Entgegen dem landläufigen Eindruck dämpfen sie das Schmerzempfinden vor allem an den Beinen und am Kopf jedoch nur wenig und müssen daher bei operativen Eingriffen mit einer Lokalanästhesie ergänzt werden. - Narkotika:
werden ausschliesslich durch Tierärzte zur tiefen Narkose mit Verlust des Bewusstseins z.B. bei Operationen verabreicht.
Unsere Empfehlung
In der Datenbank der Universität Zürich können Einzelheiten zu Wirkstoffen und Medikamenten nachgelesen werden.
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