Home>News>
Schmerzen lindern
Herdenhaltung|10.11.2025

Schmerzen lindern

Kühe zeigen Schmerzen leise – sie zu behandeln lohnt sich trotzdem

Als potentielle Beutetiere zeigen Rinder Schwächen und Schmerzen möglichst unauffällig und leiden leise. Daher gelten sie landläufig als «schmerzresistent» und von Schmerzmitteln wird häufig abgesehen. Doch eine Therapie hat viele Vorteile. 

Bild: www.zweiaufreisen.com

Schmerzsensoren

Von der Anatomie her verfügen Kühe und Kälber jedoch über dieselben Sensoren und Nervenbahnen wie Menschen. Wahrscheinlich empfinden sie Schmerzen genauso wie wir – und vermutlich fühlen sie häufiger und grössere Schmerzen als wir ahnen.

Bild: www.zweiaufreisen.com

Subjektiver Eindruck

Bild: Swissgenetics

Schmerzen können nicht objektiv gemessen werden. Es geht daher immer um die eigene Beobachtung, den persönlichen Eindruck und eine subjektive Einschätzung des Schmerzverhaltens.  

Systeme schlagen Alarm

Bild: Swissgenetics / jbg

Da sich das Verhalten und die Futteraufnahme schon bei mässigen Schmerzen reduzieren, melden Herdenmanagementsysteme wie SenseHub® bereits in frühen Stadien von Erkrankungen Alarm. 

Den Schmerz erkennen können

Diese Zeichen zeigen allgemeines Unwohlsein und Schmerz:

Schmerzgesicht

Bild: Swissgenetics / lvt

Durch die angespannte Gesichtsmuskulatur bilden sich Falten über dem Oberlid und an den Nasenlöchern, die Kuh blickt ins Leere.

Zähneknirschen

Bild: Swissgenetics / jbg

Kühe brüllen nicht vor Schmerz, sondern knirschen mit den Zähnen

Tiefe Augen

Bild: Swissgenetics / jbg

Bei kranken Kühen sinken die Augen in die Augenhöhlen ein.

Kalte Ohren

Bild: Swissgenetics / jbg

Kranke Kühe zentralisieren ihren Blutkreislauf. Deshalb werden die Ohren kühl, wenn sich die Kuh nicht wohlfühlt.

Angedrückte Nase

Bild: R. Erni

Kühe zeigen Kopfschmerzen, indem sie diesen fest an eine Wand, an Herdengenossinen oder an Gegenstände pressen.

Schwanz schlagen

Bild: Swissgenetics / jbg

Schmerzen im hinteren Körperbereich zeigt die Kuh durch Schwanz schlagen und Stampfen mit den Beinen.

Aufgezogener Bauch und Rücken

Bild: Swissgenetics / avb

Bei Schmerzen im Bauch zieht die Kuh den Rücken und die Bauchdecke nach oben.

Abgestellter Schwanz

Bild: Swissgenetics / jbg

Pressdrang und ein abgehaltener Schwanz zeigen Schmerzen im Becken, z.B. vor (Wehen) oder nach der Geburt.

Kranke Gliedmassen führen zur Lahmheit

Der Bewegungsablauf und das Liegeverhalten geben Hinweise, wie schmerzhaft eine Verletzung oder Erkrankung an einem Bein ist und wo der Schmerz vermutlich sitzt.  Wichtig ist, bereits das Anfangsstadium einer Lahmheit zu erkennen!  

Separates Liegen

Bild: Swissgenetics / jbg

Wenn Kühe abseits der Herde liegen, gehen sie Konflikten aus dem Weg und können länger liegen bleiben. So vermeiden sie unnötige Bewegungen.

Zögerliches Aufstehen

Bild: Swissgenetics / sme

Schmerzverdächtig sind Kühe, die sich nur langsam aus dem Liegen erheben.

Schrittlänge

Bild: www.zweiaufreisen.com

Ein klammer Gang ist bereits ein Warnzeichen für eine geringgradige Lahmheit. 

Vorgestelltes Bein

Bild: Swissgenetics / lvt

Das erkrankte Bein nach vorne zu stellen, entlastet es beim Stehen.

Entlastetes Bein

Bild: Swissgenetics / jbg

Um Schmerzen zu vermeiden, nimmt die Kuh weniger Gewicht auf das erkrankte Bein.

Gesenkter Hals

Bild: Swissgenetics / lvt

Indem sie Kopf und Hals nach untern hält, versucht die lahme Kuh trotz Schmerzen im Gleichgewicht zu bleiben.

Rückenlinie

Bild: Swissgenetics / avb

Auch ein aufgezogener Rücken hilft der Kuh mit Problemen im Bewegungsablauf, das Gleichgewicht zu halten.

Schwellung

Bild: Swissgenetics / sme

Geschwollene Gelenke sind entzündet und schmerzhaft.

Stützbeinlahmheit

Bild: Swissgenetics / sme

Bei Kühen sitzen Ursachen für Lahmheiten meist an und um die Klauen. Sie haben dann Schmerzen, wenn sie ihr Körpergewicht auf der erkrankten Stelle tragen müssen und zeigen eine sog. «Stützbeinlahmheit».

Mehr zu schmerzhaften Klauenerkrankungen:

  • Stallklauen
  • Mortellaro
  • Grippeli (Panaritium)
  • Limax
  • Sohlenblutung
  • Sohlengeschwür

Hangbeinlahmheit

Bild: Swissgenetics / avb

Bei einer «Hangbeinlahmheit» bereitet den Kühen das Heben und Vorwärtsbewegen des Beins Probleme – dann sitzt der Schmerz in den oberen Regionen, z.B. am Buggelenk des Vorderbeins oder am Becken.

Mögliche Ursachen für eine Hangbeinlahmheit:

  • Scheuerstelle am Hüfthöcker
  • Druckstelle am Buggelenk

Kälber mit Schmerzen

Auch Kälber zeigen Schmerzen nur stumm. Es braucht eine gute Beobachtung, um diese frühzeitig zu erkennen. 

Trinkschwäche

Bild: Swissgenetics / jbg

Trinkt ein Kalb nicht oder nicht richtig, ist das immer ein erstes Zeichen, dass etwas nicht stimmt.

Zähneknirschen

Bild: Swissgenetics / lvt

Auch Kälber brüllen nicht vor Schmerz, sondern knirschen leise mit den Zähnen.

Schmerzgesicht

Bild: Swissgenetics / avb

Wie Kühe spannen auch Kälber bei Schmerzen ihre Gesichtsmuskeln an, weshalb dort Falten zu sehen sind – auch sie hören bei Schmerzen «in sich hinein.

Vermehrtes Liegen

Bild: Swissgenetics

Kranke Kälber liegen viel – wenn das auffällt, unbedingt Fieber messen.

Praxis-Tipp

Erfahrungsberichte von Züchtern zeigen, dass Kälber z.B. nach einer Schwergeburt besser trinken, wenn sie Schmerzmittel erhalten.

Tierärztin Christina warnt allerdings: «Für neugeborene Kälber ist nicht jedes Medikament geeignet. Ihre Leber muss den Abbau der Substanz erst reif genug sein. Es ist Sache des Hoftierarztes das passende Medikament zu verschreiben». 

Harter Bauch

Bild: Swissgenetics

Eine gespannte Bauchdecke ist ein Zeichen für Bauchschmerzen – unbedingt eine Nabelentzündung ausschliessen!

Koliksymptome

Bild: Swissgenetics / lvt

Wenn Kälber unruhig mit den Beinen stampfen, sich immer wieder ablegen und aufstehen, haben sie Probleme mit dem Verdauungsapparat (Durchfall oder Schlimmeres). 

Eingefallene Augen

Bild: Swissgenetics / jbg

Kälber mit Durchfall trocknen schnell aus – ihre Augen sinken dadurch in die Augenhöhle ein.

Zeichen für Atemnot

Bild: Swissgenetics / cos

Kälber mit hochgradiger Atemnot drohen zu ersticken! Sie brauchen dringend tierärztliche Hilfe.

Schmerzhafter Eingriff: Enthornen

Die Entfernung der Hornanlagen ist für ein Kalb schmerzhaft. Sie ist in der Schweiz daher nur bei Kälbern unter drei Wochen und unter einer vorgeschriebenen Schmerzausschaltung (Sedation, lokale Leitungsanästhesie) zulässig.

Bild: Swissgenetics / mfl

Praxis-Tipp

Züchterin Barbara erzählt von ihren Erfahrungen beim Enthornen: «Seit wir unseren Kälbern kurz vor dem Eingriff, zusätzlich Schmerzmittel geben, trinken sie nach dem Enthornen sofort wieder besser. Wir haben den Eindruck, dass auch das Abheilen weniger und weniger lange schmerzt. Mit Schmerzmitteln behandelte Kälber schütteln erfahrungsgemäss seltener den Kopf und sind auch später weniger kopfscheu.» 

 

(Be)handeln rechnet sich

Schmerzbehandlung bei Rindern war in der Vergangenheit nie ein grosses Thema. Doch Schmerzmittel machen sich bezahlt und sind bei beeinträchtigten Tieren nicht nur aus ethischen und tierschutzrechtlichen Gründen wichtig:

  • Sie verbessern das Allgemeinbefinden und
  • Sie steigern die Futteraufnahme und
  • Sie erhöhen die Leistung

Praxis-Tipp

Tierärztin Christina warnt jedoch vor dem zu sorglosen Umgang mit Schmerzmitteln:

«Nur Schmerzmittel zu geben, ohne der Ursache für diese auf den Grund zu gehen, kann auch gewaltig schief gehen. So gehören zum Beispiel fieberhafte Erkrankungen oder Lahmheiten zunächst immer tierärztlich abgeklärt! Wie alle Medikamente haben auch Schmerzmittel Nebenwirkungen. Es gilt nicht: Viel hilft viel.»

Wie stark ist der Schmerz?

Ob jemand einen Entscheid «Pro-Schmerzmittel» trifft, ist von einem wichtigen Faktor abhängig: Wie stark schätzt die Person, die Schmerzhaftigkeit einer Erkrankung oder eines Eingriffs überhaupt ein – und hier gibt es erstaunliche Unterschiede.

  • Frauen beurteilen Schmerzen stärker als Männer
  • Frauen halten mehr tierärztliche Eingriffe für schmerzhaft an als Männer
  • Frauen gehen bei mehr Erkrankungen von Schmerzen aus als Männer
  • Frauen (Tierärztinnen  und Landwirtinnen) greifen deshalb für ihre Tiere schneller zu Schmerzmittel als Männer

Schmerzmittel in der Praxis

  • Schmerzmittel grundsätzlich nur mit tierärztlicher Verschreibung
  • Tierarzneimittelvereinbarung (TAM-V): Bezug der Schmerzmittel in der Tierarztpraxis und Anwendung nach Vorschrift möglich, wenn regelmässige Betriebsbesuche erfolgen.
  • Dokumentation von Abgabe, Verwendung und Vorrat im Behandlungsjournal und
  • Schmerzmittel können Nebenwirkungen wie Labmagengeschwüre verursachen
  • Medikamente nur in korrekter Dosierung und über begrenzte Zeitdauer einsetzen

Schmerzmittel ist nicht gleich Schmerzmittel! Es ist gut sich vor dem Einsatz mit den unterschiedlichen Stoffen auseinanderzusetzen.

  • Nichtsteroidale Entzündungshemmer (NSAID – non steroidal anti inflammatory drug):hemmen im ganzen Körper gegen Botenstoffe, die bei Entzündungen entstehen und Schmerzreize auslösen. Sie senken Fieber und sorgen für weniger Sensibilität an den Schmerzrezeptoren des Nervensystems.
  • Steroidale Schmerzmittel («Kortison»):
    gehören ausschliesslich in tierärztliche Hände, da sie als Hormone auf den Stoffwechsel wirken und z.B. auch Fehlgeburten auslösen können.
  • Lokalanästhetika:
    betäuben Nerven direkt, so dass dort kein Schmerzreiz weitergeleitet wird. Sie werden zur örtlichen Betäubung eines Operationsfelds oder beim Enthornen verwendet.
  • Spasmolytika:
    wirken krampflösend und somit schmerzlindernd im Magen-Darm-Trakt zum Beispiel bei Koliken oder starken Durchfällen.
  • Sedativa:
    stellen das Tier ruhig. Bei höherer Dosierung legen sich die Tiere hin.
    Entgegen dem landläufigen Eindruck dämpfen sie das Schmerzempfinden vor allem an den Beinen und am Kopf jedoch nur wenig und müssen daher bei operativen Eingriffen mit einer Lokalanästhesie ergänzt werden.
  • Narkotika:
    werden ausschliesslich durch Tierärzte zur tiefen Narkose mit Verlust des Bewusstseins z.B. bei Operationen verabreicht. 

Unsere Empfehlung

In der Datenbank der Universität Zürich können Einzelheiten zu Wirkstoffen und Medikamenten nachgelesen werden.