Weidekeratitis (Pink eye, IBK) – schmerzhafte Augenentzündung
Die Weidekeratitis ist eine schmerzhafte Augenentzündung, die typischerweise in den Sommermonaten auftritt. Der wirtschaftliche Schaden ist immens. Was können Sie als Tierhalter dagegen tun?
Dr. Léonie von Tavel (TORO 05/14)
Das Bakterium Moraxella bovis lebt beim gesunden Rind auf Nasen- und Augenschleimhäuten. Es kann aber auch Verursacher einer schmerzhaften Augenentzündung sein. Diese oft unterschätzte Erkrankung heisst Weidekeratitis, pink eye (rosa Auge) oder kurz IBK für Infektiöse Bovine Keratokonjunktivitis.
So geht’s ins Auge
Einer Augeninfektion mit Moraxella bovis geht normalerweise eine Verletzung der Hornhaut durch andere Tiere (Rangkämpfe) oder Gerätschaften voraus. Für eine Erkrankung reichen kleinste Verletzungen, die für den Menschen von blossem Auge nicht sichtbar sind. Zur Infektion kommt es durch direkten Kontakt von Tier zu Tier, über die Stallfliegen, über den Menschen (Hände, Kleider) oder über Gerätschaften, Tränken oder keimhaltiges Futter. Die Bakterien werden über diese Vektoren auf das verletzte Auge übertragen und vermehren sich darin und darum herum. Das erklärt, weshalb nur 10 Prozent der befallenen Tiere auf beiden Augen erkranken.
Fliegen – aber nicht nur!
Faktoren, die die Erkrankung einzeln oder in Kombination begünstigen:
- Sommerzeit
- Jungtiererkrankungen
- enge Platzverhältnisse im Stall oder beim Transport
- Einstallung von (nicht als solche erkannten) infizierten Tieren
- hohe Fliegendichte
- hohe Staubbelastungen
- hohe UV-Strahlenwerte
- schlecht pigmentierte Haut an den Lidern bzw. um die Augen
Deshalb liegt es auf der Hand, dass insbesondere gealpte Rinder erkranken, die vielen von diesen Faktoren auf einmal ausgesetzt sind: Sie werden Anfang Sommer transportiert und mit fremden Tieren zusammen auf Weiden gehalten, die oft starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind. Rangkämpfe werden ausgetragen, bei denen es auch zu Augenverletzungen kommen kann. Und Fliegen fliegen überall.
Schmerzen sind immer schlecht – besonders auf dem Berg
Angesteckte Tiere werden innerhalb Tagen/Wochen krank und ganze Herden können beim Vorhandensein begünstigender Faktoren erkranken. Die Erkrankung kann sich dramatisch entwickeln, denn verschiedene Strukturen des Auges sind betroffen. Typische erste Symptome sind dauerndes Blinzeln, Tränenfluss und Lidkrampf. Betroffene Tiere können aber auch Fieber haben, generell reduziert sein und sich lichtscheu verhalten (z.B. plötzliches Meiden des Melkstands). Die Weidekeratitis scheint sehr schmerzhaft zu sein! Generell gilt, dass Schmerzen die Leistung negativ beeinflussen. Das ist bei dieser Augenentzündung nicht anders. Insbesondere bei verschleppten, unbehandelten Fällen ist deswegen mit grossen wirtschaftlichen Einbussen zu rechnen. Konkret kommen lichtscheue oder ein- oder beidseitig erblindende Tiere weniger gerne zum Futtertisch, lassen sich von Artgenossinnen mehr zurückdrängen und die Verletzungsgefahr auf Weide oder Alp ist massiv grösser. So gibt es alle Jahre wieder Fälle erblindeter und deswegen abgestürzter Rinder insbesondere auf der Alp.
Rosa Brille und Tierschutz
Sehr typisch für die Krankheit sind von aussen am Augapfel ein sprossende Blutgefässe. Das Auge bekommt dadurch einen rot-rosa Kranz. Von daher rührt der englische Name «pink eye» (rosarotes Auge). Ebenso häufig sind Hornhaut- und Linsentrübungen, so dass das betroffene Auge grau erscheint. Unbehandelt kann es zu starker Eiterbildung, zum Linsenvorfall oder gar zum Durchbruch der Hornhaut kommen. Solche Augen müssen chirurgisch durch eine Lidschürze (das 3. Lid wird für eine bestimmte Zeit über den Augapfel genäht) geschützt oder gar gesamthaft entfernt werden. Ein solches Tier wird schnell einmal zu einem Tierschutzfall, weil es durch die Schmerzen und die Blindheit in seiner Lebensqualität stark beeinträchtig wird. Lassen Sie es also keinesfalls so weit kommen, denn die leichteren bis mittelschweren Fälle sind mit gutem Erfolg, aber viel Geduld, therapierbar.
Schlechte Nachricht: aufwändige Therapie
Da es leider nur in seltenen Fällen zu Spontanheilungen kommt, müssen befallene Tiere recht aufwändig mit Verabreichung antibiotikahaltiger Augensalbe 2–3 mal täglich während 2 bis 3 Wochen behandelt werden. Ist eine solche Therapie nicht möglich (z.B. Mutterkühe), kann das geeignete Antibiotikum auch über mehrere Tage gespritzt werden (teurere Therapie als Augensalbe). Wenden Sie sich dafür unbedingt an Ihren Tierarzt, damit allfällige Resistenzbildungen von Antibiotika vermieden und nötige Umwidmungen von human-medizinischen Salben korrekt durchgeführt werden. Ein ganz wichtiger Faktor bei der Behandlung mehrerer Tiere hintereinander ist die Hygiene der behandelnden Person. Desinfizieren Sie sich nach jedem einzelnen behandelten Tier die Hände und tragen Sie abwaschbare Schutzkleider. Nach durchgemachter Krankheit sind die betroffenen Tiere normalerweise immun gegen die Augeninfektion. Diese Immunität scheint sich auch mit dem Kolostrum auf die Kälber zu übertragen.
Gute Nachricht: nachhaltige Prophylaxe
Sie als Tierhalter können vorbeugen: Sorgen Sie für
- genug Platz im Stall
- ein gesundes Stallklima (keine abnormale Staubbelastung)
- Fliegenbekämpfung
- regelmässige Tierkontrolle
Sollten Sie ein auffälliges Tier (Tränenfluss, Blinzeln) entdecken, sondern Sie dieses unbedingt ab und stellen Sie es dem Tierarzt vor. Er kann Sie auch bezüglich einer möglichen Impfung beraten: Es gibt eine einmalige Impfung, die 3 bis 6 Wochen vor dem Alpaufzug zu verabreichen ist und die dann jährlich wiederholt werden soll. Wie bei allen Impfungen ist auch hier der Impfschutz nicht 100 Prozent gewährt, denn es gibt verschiedene Stämme von Moraxella bovis. Gemäss Anwendern lohnt sich die Impfung aber allemal.
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