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Gegenseitiges Besaugen
Kälberbedürfnisse|08.01.2026

Gegenseitiges Besaugen

Wenn Kälber aneinander saugen

Viele Betriebe kennen das Problem: Ihre Kälber besaugen sich gegenseitig. Was machen diejenigen anders, deren Kälber sich in Ruhe lassen?

Stefan Buri (TORO 02/17)

Den Kopf zwischen die Hinterbeine des anderen Kalbs schieben, die Zunge raus strecken, die kleinen Zitzen der Euteranlage ins Maul nehmen und daran saugen, was das Zeug hält. Ein Verhalten, das quer durch alle Rassen und Milchviehbetriebe vorkommt, sobald die Kälber in Gruppen gehalten werden.

Wenn Kälber sich gegenseitig die Euteranlagen saugen, können sie dort nachhaltige Schäden anrichten
Bild: Dr. M. Tischer

Geschädigte Euter

Hat es einmal angefangen, dass Kälber aneinander saugen, breitet es sich häufig in der ganzen Gruppe aus, weil es immer Nachahmer gibt. Da es die Euteranlagen der angesaugten Kuhkälber nachhaltig schädigen kann, wird es zum Problem. Zwei bis drei Jahre später stehen erfolgsversprechende Rinder nach dem Abkalben plötzlich als Drei-Strich da, haben vermehrt Euterreizungen oder einen ungenügenden Zitzenschluss und Zellzahlprobleme.

Unterschiedlich häufig

Interessanterweise gibt es viele Betriebe mit Gruppenhaltung, die dieses Problem kaum kennen. Doch bei anderen saugen die Kälber häufig aneinander. Wieso fangen manche Kälber also an zu saugen und was sind die betriebsspezifischen Unterschiede und Einflussfaktoren? Was machen Betriebsleiter anders, die wenig Probleme mit dem gegenseitigen Besaugen haben?

Natürliches Bedürfnis

Betrachtet man die Fakten, wie sich Kälber in der Mutterkuhhaltung verhalten, wird schnell klar, dass das natürliche Saugbedürfnis in einem Milchviehbetrieb mit herkömmlichem Tränkeregime nicht gestillt werden kann. Mutterkuhkälber saugen durchschnittlich sechs bis acht Mal pro Tag für ca. zehn Minuten an der Kuh. Wird ein Kalb pro Tag nur zwei oder drei Mal aus einem Eimer getränkt, so wird sein Saugbedürfnis also nur zu etwa zwanzig Prozent befriedigt. Bei Nuckeltränke oder Automatentränke gilt dies im Prinzip genauso, eben etwas abgemildert. Hier liegt ein Spagat zwischen rationeller und arbeitswirtschaftlich machbarer Aufzucht und den Saugbedürfnissen von Kälbern. Dennoch gibt es Ansätze, einen guten Mittelweg zu finden, das Tränkeregime und die Stallumgebung zu optimieren.

Hungrige Kälber

Wissenschaftler unterscheiden, ob die Kälber einen Saugreiz als natürlichen Instinkt entwickeln, wenn sie Hunger haben oder ob die Kälber zum Beispiel zum Stressabbau aneinander saugen. Hungrige Kälber saugen vor allem vor dem Tränken aneinander. Restriktiv versorgte Kälber neigen daher mehr dazu, sich gegenseitig zu besaugen als solche, die mit grösseren Milchmengen getränkt werden. Dies ist einer der Gründe, warum restriktive Tränkemengen mit 4 bis 5.5 Liter Vollmilch beziehungsweise 5 bis 7 Liter Milchaustauscher pro Tag zunehmend in Frage gestellt werden. Ausserdem schöpfen auf diese Art (unter)versorgte Kälber ihr Wachstumspotenzial nicht aus und sind auch krankheitsanfälliger. In vielen Versuchen zeigen höhere Milchmengen von 7–8 Liter in den ersten 3–4 Wochen bessere Tageszunahmen und fittere, ruhigere Kälber.

Beim Abtränken

Besonders kritisch ist der Zeitraum, in dem die Kälber von der Milch abgesetzt werden. Vor allem wenn nicht alle Kälber einer Gruppe bereits in der Lage sind, ihren Energiebedarf vollständig über festes Futter zu decken. Insbesondere in heterogenen Gruppen können diese Kälber dann plötzlich mit dem Besaugen anfangen. Deshalb gilt auch hier, dass der Energiebedarf, das Tränkeregime und der Futterverzehr gut aufeinander abgestimmt sein und dem individuellen Stand des einzelnen Tieres gerecht werden müssen. Es wird immer mehr zum kraftfutterabhängigen Abtränken geraten. Jedes Kalb sollte dazu neben gutem Heu zur freien Verfügung mindestens 1.8 kg Aufzuchtfutter pro Tag fressen. Damit ist sichergestellt, dass Kälber auch ohne Milchtränke genügend Energie aufnehmen.

Hektisches Trinken

Oft besaugen sich Kälber auch direkt nach dem Tränken, wenn der Saugreiz zeitlich verzögert nachlässt, auch wenn das Kalb eigentlich satt ist. Österreichische Untersuchungen haben gezeigt: Vor allem Kälber, die hektisch trinken, deren Herzfrequenz unter dem Trinken deutlich steigt, weil sie besonders gierig oder schnell saufen, greifen nach Wegnahme des Tränkeeimers auf ihre GruppenkollegInnen zurück. Ein Nuggi, der einen besonders hohen Widerstand hat und damit den Tränkevorgang in die Länge zieht, kann ihr Saugbedürfnis deutlich besser befriedigen. Heu und Kraftfutter dienen nach dem Tränken gegeben als Ablenkung und halten manche Kälber vom Besaugen ab. Können die Kälber zusätzlich noch im Tränkestand fixiert und dort für eine Viertelstunde eingesperrt werden, bis der Saugreiz abgeflaut ist, fangen viele erst gar nicht mit dem Besaugen an. Dennoch ist dies eine Zwangsmassnahme, die nur die Symptome, nicht aber deren Ursachen bekämpft: Je hungriger ein Kalb gehalten wird, umso gieriger trinkt es und umso grösser ist das Risiko, dass es an anderen saugt. Unregelmässige Fütterungszeiten und lange Pausen zwischen den Mahlzeiten sind dabei zwei wichtige Stichworte, die sich durch die Ad-libitum-Tränke von angesäuerter Milch oder für grössere Betriebe durch den Einsatz von Tränkeautomaten entschärfen lassen.

Je entspannter und langsamer Kälber Milch trinken, umso geringer ist das Risiko, dass sie sich anschliessend besaugen.
Bild: D. Wettstein

Frustabbau durch Saugen

Kälber saugen zwar direkt vor oder nach dem Tränken öfter aneinander, aber nicht nur. Der alleinige Fokus auf Massnahmen rund ums Tränken, um dieses Verhalten abzustellen, greift deshalb häufig zu kurz. Manchmal kompensieren Kälber auch tagsüber Stress, indem sie an anderen saugen. Sie schütten währenddessen Glückshormone aus, die sie beruhigen – nach demselben Prinzip, nach dem uns Schokolade das Leben in Frust- oder Stressituationen gefühlt erleichtert. Eine stressarme Aufzucht ist daher der beste Schutz vor angesaugten Rindern. Sie beginnt mit einer guten und richtigen Biestmilchversorgung gleich nach der Geburt. Neben der ausreichenden Tränkemenge spielt aber auch eine kälbergerechte Umgebung eine grosse Rolle: Helle Ställe mit genügend Platz und viel frischer Luft bieten viel «Kalb-Komfort». Kälber sind von Haus aus neugierig und beobachten ihre Umwelt gerne. Die Untersuchungen aus Österreich konnten dementsprechend zeigen, dass Betriebe, die ihren Kälbern Auslauf im Freien ermöglichen, weniger Probleme mit dem gegenseitigen Besaugen haben als solche mit ausschliesslicher Stallhaltung. Manche Betriebe bieten ihren Kälbern aber auch Spielzeug zur Beschäftigung: Ketten, Bänder oder Holzstücke, die aufgehängt werden.

Es gibt kein Patentrezept

Trotz allen Tipps gibt es bislang noch kein Patentrezept zur Lösung des Besaugerproblems, dazu sind die Zusammenhänge zu komplex. Nützen alle vorgeschlagenen Massnahmen nichts, müssen saugende Tiere so früh wie möglich identifiziert werden und mit zeitlich begrenzt angebrachten Saugschutzringen vom Saugen abgehalten werden. Mit einem guten Management kann man aber dazu beitragen, dass das Besaugen minim bleibt.

Ein Saugschutzring ist effektiv, bekämpft aber die Symptome und nicht die Ursachen. Warum fangen Kälber überhaupt an, sich zu besaugen?
Bild: Swissgenetics / jbg

Massnahmen, die das gegenseitige Besaugen minimieren können

  • ausreichende Kolostrumgaben
  • Igluhaltung in den ersten 2 Lebenswochen
  • Intensive Tränke in den ersten 3–4 Lebenswochen
  • 15 Minuten Fixierung der Kälber nach der Tränke bei Gruppenhaltung
  • viel Frischluft und Licht im Kälberstall, wenn möglich Auslauf ins Freie
  • Spielmöglichkeiten wie Ketten, Bänder, Holzstücke
  • tierindividuelles Absetzen bei mind. 1.8 kg Aufzuchtfutteraufnahme