Nabel – Erkrankungen
Nabelerkrankungen bergen ein hohes Risiko für ein Kalb. Zumal man auf den ersten Blick nur das sieht, was im Teil des Nabels ausserhalb der Bauchhöhle (extra-abdominal) im Nabelstumpf passiert. Die eigentliche Gefahr liegt aber im Körperinneren (intra-abdominal), wenn z.B. Nabelentzündungen aufsteigen.
Feucht und blutig
Der feuchte, blutige Nabel des Neugeborenen bietet Umweltkeimen einen optimalen Nährboden. Entzündungen gehen daher schnell an. Je schlechter der Nabel abtrocknet und je mehr geronnenes Blut daran klebt, umso grösser ist das Risiko einer Nabelentzündung – ungefähr 5 % aller Kälber sind von Nabelentzündungen betroffen.
Komplizierte Rückbildung
Nach dem Reissen der Nabelschnur müssen viele komplizierte Vorgänge richtig ablaufen: Die Nabelpforte in der Bauchwand des Kalbs schliesst sich, die ehemaligen Blutgefässe ziehen sich zusammen und gleichzeitig in die Bauchhöhle zurück usw.
Lebensgefahr
Ist diese Nabelrückbildung (Involution) gestört, bedeutet dies manchmal akute Lebensgefahr für das Kalb im Fall
- eines (eingeklemmten oder offenen) Nabelbruchs
- einer starken Blutung aus den Nabelarterien
Günstige Umstände für Keime
Bei einem weniger dramatischen Verlauf einer gestörten Nabelrückbildung haben Keime der Umgebung oft besonders gute Lebensbedingungen.
Entzündungen gehen dann heftig an oder steigen schnell im Körperinneren auf. Das ist insbesondere der Fall, wenn
- der Nabel sehr kurz abreisst
- es aus den Nabelgefässen leicht nachblutet
- sich die Nabelgefässe oder der Urachus nicht vollständig in die Bauchhöhle zurückziehen
- der Urachus offen bleibt (Urachusfistel)
Der Nabelbruch (Hernia umbilicalis)
Bei einem Nabelbruch schliesst sich die ringförmige Nabelpforte, die Durchtrittsstelle der Nabelschnur, in der Bauchwand des Kalbs nach der Geburt nicht oder nicht vollständig.
Ringförmige Öffnung
Normalerweise ist die Nabelpforte bereits nach wenigen Lebenstagen nicht mehr zu fühlen. Bleibt dagegen eine Öffnung bestehen, kannst Du diese in der Bauchwand ertasten und einen oder sogar zwei Finger einführen.
Weicher Bruchsack
Oft stülpt sich ein weicher, flüssigkeitsgefüllter Bruchsack unter der Haut vor, den Du wieder in die Bauchhöhle zurückdrücken kannst.
Eingeklemmter Darm
Lebensgefährlich werden Nabelbrüche, wenn sich Dünndarmschlingen im Bruchsack einklemmen. Solche Kälber haben starke Bauchschmerzen und müssen sofort operiert werden.
Hohe Erblichkeit
Nabelbrüche bei Rindern haben eine hohe Erblichkeit, wie z.B. eine Dissertation an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover untersucht hat.
Zuchtausschluss
Tiere mit Nabelbruch (weiblich oder männlich) müssen konsequent von der Zucht ausgeschlossen werden. Notiere Dir deshalb unbedingt, wenn Du bei einem Kalb in den ersten Lebenstagen einen Nabelbruch feststellst
Kein Einsatz
Der Nabel-Check gehört deshalb auch zur zuchthygienischen Untersuchung von Besamungsstieren, bevor mit diesen Samen produziert wird.
Die Nabelblutung und -hämatome
Funktioniert der Verschluss der ehemaligen Blutgefässe des Nabels nicht, blutet der Nabel mehr oder weniger stark nach – entweder deutlich sichtbar nach aussen (aus den Venen oder Arterien) oder aber verborgen im Körperinneren (nur aus den Arterien).
Blutverlust
Eine starke Nabelblutung endet nicht selten tödlich, weil das Kalb viel Blut verliert. Manchmal (zum Glück: selten) findet man solche Kälber tot nach einer unbeobachteten Geburt in einem Blutsee.
Plötzlich tot
Verblutet das Kalb jedoch innerlich, stirbt es wie aus heiterem Himmel im Lauf des ersten Lebenstags. Denn Kälber können im Körperinneren viel Blut verlieren, ohne dass Du es von aussen bemerkst.
Wenig Anzeichen
Meist sind Kälber trotz innerlich nachblutendem Nabel nach der Geburt zunächst fit. Erst kurz vor ihrem Tod fallen sie kurzzeitig auf: Durch Schwäche, blasse Schleimhäute und Untertemperatur.
Idealer Nährboden
Bei schwächeren, nicht tödlichen, Blutungen bildet sich ein Bluterguss (Hämatom) im äusseren Nabelstumpf oder im inneren Bindegewebe. Er bietet ideale Bedingungen für Bakterien.
Urachusfistel oder -zyste
Ab und zu bleibt die Verbindung der Harnblase zum Urachus, dem embryonalen Harngang, und zum Nabel offen. Sie verschliesst sich nicht. Das Kalb setzt dann einen Teil seines Urins über diesen falschen Gang und eine Öffnung (Fistel) in der Haut am Nabel ab.
Immer nasser Nabel
Der Urin, der ständig aus der Hautfistel tröpfelt, hält die Nabelschnur und das Fell um den Nabel ungewöhnlich feucht. Sie können nicht abtrocknen.
Gute Bedingungen
Die ständige Feuchtigkeit begünstigt Entzündungen im äusseren Nabel, denn Keime lieben das. Oft steigen sie in den Bauchraum auf.
Zyste oder Fistel
Der embryonale Harngang kann auch nur auf Seite der Blase – ohne Hautfistel – offenbleiben.
Mit Flüssigkeit gefüllt
Dann entsteht eine flüssigkeitsgefüllte Zyste innerhalb des Bauchraums. Manchmal wölbt sie sich wie ein Nabelbruch in den Hautnabel vor.
Nabelentzündung
Der Nabelstumpf ist eine Wunde, die in den ersten Lebenstagen des Kalbs abheilen und austrocknen muss. Bleibt er feucht, bietet er einen optimalen Nährboden für Bakterien – insbesondere, wenn in der Umgebung bereits ein hoher Keimdruck herrscht.
Umweltkeime
Sobald das Kalb liegt, ist der zuerst feuchte Nabel ständig in Kontakt mit den Umweltkeimen in der Abkalbebox oder dem Kälberstall: Je sauberer und hygienischer, umso besser.
Kontrolle
Die Kontrolle des Nabels neugeborener Kälber ist also wichtig, um Veränderungen im Anfangsstadium zu erkennen. Experten empfehlen dazu: „Finger weg – nur schauen!“
Schmerzen
Bei Entzündungen wird zunächst der äussere Nabelstrang dick und schmerzhaft. Betroffene Kälber stehen viel, oft mit gekrümmtem Rücken, schauen ins Leere und trinken oft schlecht.
Abszess
Je nachdem, welche Keime beteiligt sind, vereitern Nabelentzündungen sehr schnell und kapseln sich zu Abszessen ab.
Handeln – Nicht warten
Schon bei einer beginnenden Nabelentzündungen heisst es: Das Kälberleben retten! Einen nur leicht-verdickten äusseren Nabel kannst Du zunächst mit einer durchblutungsfördernden Salbe einreiben. Bleibt eine Besserung aus, ist nach tierärztlicher Verordnung rasch eine mehrtägige Antibiotikabehandlung inkl. Entzündungshemmer angezeigt. Dicke Abszesse im Nabelstrang müssen dagegen chirurgisch entfernt werden.
Aufsteigende Nabelentzündungen
Wird die Behandlung „verschlampt“, steigen Nabelentzündungen sehr schnell an den ehemaligen Nabelgefässe im Körperinneren auf. Am häufigsten an der ehemaligen Nabelvene, aber auch entlang der Arterien und des Urachus.
Nabelvenen-Entzündung
Da der Rest der abgerissenen Nabelvene am äusseren Hautnabel endet, steigen Entzündungskeime des Nabelstumpfs besonders rasch an ihr entlang auf – mit üblen Spätfolgen.
Leberabszesse
Erreichen die Keime die Leber, setzen sie sich hier fest. Es entstehen z.T riesige (wie hier im Bild) oder auch viele kleine Abszesse, die die Leberfunktion langfristig schädigen.
Kümmerer
Kälber mit Leberabszessen nach einer Nabelentzündung erholen sich nur schwer oder gar nicht. Sie enden sehr häufig als Kümmerer.
Lungenentzündung
Oft streut die Entzündung über den Blutweg weiter und setzt sich in Lunge (Pneumonie) oder Gelenken (Arthritis) fest. Eine Behandlung zu diesem Zeitpunkt ist meist zu spät.
Unsere Empfehlung
Bei einer Untersuchung kann Dein Tierarzt oder Tierärztin im Bauch des Kalbs die entzündete Vene als derben, druckempfindlichen Strang tasten. Das zeigt ein Video der Rinderklinik der LMU München.
Nabelarterien-Entzündung
Ziehen sich die Arterien nach der Geburt nicht in den Bauchraum zurück, bieten sie Keimen perfekte Bedingungen: Sie sind blutig und trocknen wegen ihrer dicken Gefässwand sehr langsam ab.
Entlang des Urachus
Auch eine ständig feuchte Urachusfistel begünstigt aufsteigende Entzündungen entlang des ehemaligen Harngangs: Nach hinten in Richtung der Bauchschlagader und Harnblase.
Mehrere Strukturen betroffen
Es können auch mehrere oder alle ehemaligen Nabelgefässe gleichzeitig von einer aufsteigenden Entzündung betroffen sein. Mit dem Ultraschall lässt sich herausfinden welche.
Operation notwendig
Egal welche Struktur betroffen ist: Vereiterte Nabelgefässe, in denen Erreger aufsteigen, müssen chirurgisch in einer Bauchhöhlen-Operation entfernt werden – oder das Kalb hat keine Chance.
Ursachenforschung
Ein Kalb mit Nabelentzündung ist immer ärgerlich. Es bedeutet zusätzliche Betreuung und der Ausgang oder Spätfolgen dieser Erkrankung sind ungewiss. Oft sind Nabel-Kälber auch schwer krank. Eine Suche nach den Ursachen ist wichtig – um Fehler zukünftig vermeiden zu können.
Äussere Faktoren
Diese äusseren Faktoren können neben einer gestörten Nabelrückbildung eine Nabelentzündung begünstigt haben:
- die Abkalbebox war nicht sauber war
- das Kalb wurde zu früh oder unreif geboren wurde
- das Kalb kam in einer Schwergeburt zur Welt
- der Nabel wurde abgebunden
- ein scharfes Mittel wurde zur Nabeldesinfektion verwendet
- zu wenig Biestmilch wurde aufgenommen
- das Kalb musste in feuchter, schmutziger Einstreu liegen
- Kälber in Gruppenhaltung besaugten sich gegenseitig
Kurzer Überblick
| Struktur in der Nabelschnur | Funktion beim Fötus | Risiko für das Kalb |
| Nabelvenen (verschmelzen in der Bauchhöhle des Kalbs zu einem einzigen Blutgefäss V. umibilicalis) | Transport sauer- und nährstoffreiches Blut von den Rosen der Eihäute direkt zur Leber des Kalbs | Aufsteigende Nabelentzündungen betreffen die Leber (Leberabszesse) und streuen weiter. |
| Nabelarterien | Abtransport der Abfallprodukte von der hinteren Baucharterie, entlang der Harnblase des Kalbs, zurück zu den Rosen der Eihäute | Ziehen sich die Arterien nicht komplett in die Bauchhöhle zurück, sind sie für Entzündungen wie geschaffen. Funktioniert der Verschluss direkt nach der Geburt nicht: Grosse Hämatome im Bauchraum oder starke Blutung bis zum Verbluten des Kalbs. |
| Urachus (embryonaler Harngang) | Abfluss des Urins des Kalbs aus seiner Harnblase in die Schleimblase der Eihäute. | Keine Vernarbung zum Nabel oder zur Harnblase. Es tropft immer Urin aus dem Nabel (Urachusfistel). Er bleibt immer feucht. Vernarbung nur an der Nabelseite. Urin sammelt sich im Inneren des ehemaligen Gangs, kann aber nicht abfliessen (Urachuszyste) |
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