Selektives Trockenstellen
Kranke Euter können in der Galtzeit am effektivsten ausheilen. Gleichzeitig besteht in dieser Phase aber auch das höchste Infektionsrisiko. Dem können Sie jedoch konkret und oft sogar ohne Einsatz von Antibiotika entgegenwirken.
Dr. Léonie von Tavel (TORO 06/16)
Soll man zum Trockenstellen Langzeit-Antibiotika-Trockensteller einsetzen oder nicht? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Produzenten und Konsumenten haben zu diesem Thema oft ganz verschiedene Ansichten. Wie heissen die aktuellen Empfehlungen aus der Wissenschaft? Sie lauten: «Selektives Trockenstellen».
Selektives Trockenstellen
Ob Sie Trockensteller einsetzen oder nicht, sollten Sie für jede Kuh individuell prüfen. Dazu sollten Sie rechtzeitig vor dem Galtstellen auf einige Punkte achten und anhand eines Schemas entscheiden, wie Sie die Kuh trockenstellen. So vergessen Sie nichts und können einer klar begründeten Empfehlung für oder gegen den Antibiotikaeinsatz folgen. Die Wahl der Therapie zum Trockenstellen erfolgt aufgrund:
- der letzten drei Zellzahlmessungen vor dem Galtstellen bzw. bei Nicht-Herdebuchbetrieben aufgrund von Schalmtest-Resultaten
- des Mastitis-Geschehens in der vergangenen Laktation
- der Resultate von bakteriologischen Milchproben
Aussage der Zellzahlmessungen
In der Schweiz gilt eine Kuh als eutergesund, wenn sie weniger als 150’000 Zellen/ml Milch aufweist. Dasselbe gilt für die ganze Herde. Eutergesunde Betriebe untersuchen nur diejenigen Kühe mit Hilfe einer bakteriologischen Milchprobe näher, die eine erhöhte Zellzahl in den letzten drei Zellzahlmessungen hatten oder einen auffälligen Schalmtest aufweisen. Weist eine Herde jedoch eine theoretische Tankzellzahl von 150’000 Zellen/ml Milch auf, handelt es sich definitionsgemäss um einen Problembetrieb. Hier müssen die Leitkeime auf Herdenbasis mit Hilfe von Milchproben ausgewählter Kühe bestimmt werden. Arbeiten Sie dafür mit Ihrem Tierarzt zusammen.
Aussage des Schalmtests
Gerade in Nicht-Herdebuchbetrieben, in denen die Milch nicht regelmässig gewogen wird, ist es wichtig, dass Sie die Eutergesundheit mit dem Schalmtest überwachen. Spätestens vor dem Trockenstellen müssen Sie zwingend alle Kühe untersuchen. Milchproben bzw. Keimbestimmungen sind angezeigt bei allen Tieren, die mehr als ein + Differenz zwischen den Vierteln aufweisen.
Mastitis während der Laktation
War ein Tier während der Laktation euterkrank, muss ebenfalls eine Milchprobe vor dem Trockenstellen entnommen und untersucht werden. Dieser Aufwand lohnt sich auf jeden Fall, denn aufgrund der Resultate legen Sie die effektive Behandlung zum Trockenstellen fest.
Aussagen Milchprobenresultate
Können Sie eine Kuh ohne Antibiotika trockenstellen, ist das finanziell günstiger und Sie beugen ausserdem einem unnötigen Antibiotikaeinsatz bzw. daraus resultierenden Resistenzen vor. Ob Sie einen antibiotischen Trockensteller einsetzen müssen oder nicht, steht und fällt allerdings mit dem Ergebnis der bakteriologischen Milchuntersuchung:
Wird dort ein Keim gefunden? Wenn ja: Um welchen Erreger handelt es sich? Grob können Mastitiserreger in zwei grosse Gruppen eingeteilt werden:
Kuh-assoziierte Keime
Häufigste Erreger sind Staphylokokkus aureus und verschiedene Streptokokken-Arten. Werden in der Milchprobe solche kuh-assoziierten Keime nachgewiesen, müssen Sie antibiotische Trockensteller anwenden. Ganz wichtig ist allerdings, dass man Präparate wählt, die die Keime auch effektiv abtöten können. Ein Resistenztest im bakteriologischen Labor hilft bei der Auswahl. Die Trockensteller müssen unbedingt richtig dosiert und angewendet werden. Sonst entstehen unweigerlich weitere Resistenzprobleme. Beim Befund «Staph. Aureus» sind zusätzlich ganz spezielle Massnahmen zu ergreifen. Finden Sie hier gemeinsam mit Ihrem Tierarzt eine Lösung.
Umweltkeime
Häufigste Keime sind Koagulase-negative Streptokokken (KNS), Corynebakterien und E. Coli. Werden in den Milchproben «nur» Umweltkeime entdeckt, sind antibiotische Trockensteller in der Regel nicht nötig. Sie wirken nämlich meist gar nicht gegen diese. Umweltkeime bekämpfen Sie längerfristig durch das Ändern des Managements, der Stallhygiene oder der Tierhaltung. Eutergesunde Kühe bzw. Kühe mit der Diagnose «Umweltkeime» können Sie grundsätzlich auch ohne Behandlung oder mit alternativen Methoden trockenstellen. Dabei müssen Sie folgende Management-Punkte unbedingt beachten:
- Tägliche Euterkontrolle: von Auge, ohne das Euter anzufassen. Sollen die Zitzen aus einem bestimmten Grund kontrolliert werden, tragen Sie mit Vorteil dabei Einweghandschuhe.
- Die Stallhygiene ist bei den Galtkühen genauso wichtig wie bei den Tieren in Laktation. Die Einstreu muss trocken und sauber sein.
- Die Fütterung ist angepasst. Als Faustregel gilt es, in der Galtphase den Erhaltungsbedarf abzudecken.
- Gute Wasserversorgung
- Zitzenversiegler: Um den natürlichen Schutzmechanismus der Zitzen gegen eindringende Keime nachzuahmen bzw. zu stärken, können Zitzenversiegler verwendet werden. Dazu muss allerdings vorab eine Eutererkrankung 100 %ig durch eine negative Milchprobe ausgeschlossen sein. In der gesamten aktuellen Laktation sollten bei der trockenzustellenden Kuh keine Euterprobleme aufgetreten sein. Je nach Präparat bringt man die Zitzenversiegler in den unteren Teil der Zitzenzisterne ein oder verklebt mit ihnen von aussen die Strichkanalöffnung. Die Angaben der Hersteller müssen Sie bei der Anwendung genau beachten.
- Homöopathie: Fragen Sie Ihren spezialisierten Tierarzt.
Ausmerzung bzw. Herdensanierung
Die Ausmerzung ist bei Tieren angezeigt, die therapieresistent sind bzw. in zwei Laktationen hintereinander dieselben Euterprobleme mit demselben Keim aufweisen. Bei Herdenproblemen müssen Sie Verbesserungsstrategien in Management und Haltung erarbeiten, die dem Leitkeim am effektivsten an den Kragen gehen. Eine Sanierung auf Bestandesebene ist oft unumgänglich, aufwändig und muss deshalb gut mit Fachleuten geplant und durchgeführt werden.
Risikofaktoren für Galtmastitiden
- Ungenügende Kontrolle: Den Galtkühen wird oft zu wenig Beachtung geschenkt
- Bildung von Therapieresistenzen durch das Nicht-Erkennen bzw. falsch Behandeln der Keime, weil keine Milchproben entnommen wurden
- Infektion mit Staph. aureus und gleichzeitig tiefer Zellzahl: Solche Tiere werden oft schlecht oder gar nicht erkannt und streuen den ansteckenden Keim in der Herde
- Haltung: Galtkühe müssen genau so sauber gehalten und leistungsgerecht gefüttert werden wie laktierende Tiere
- Verlängerte Laktation: Kühe mit langer Serviceperiode erkranken öfters an Galtmastitiden
- Die Milchleistung beim Trockenstellen sollte nicht >15 kg betragen
- Kurze Zitzen: Bei kurzen Zitzen ist der schützende Keratinpfropf ebenfalls kürzer
- Kurz vor dem Abkalben: In dieser Zeit ist das Immunsystem der Kuh durch die hormonelle Umstellung geschwächt und die Trockensteller verlieren langsam ihre Wirkung. Der Keratinpfropf löst sich auf