Antibiotikaeinsatz Milchproduktion
Je gesünder Tiere sind, desto weniger Medikamente brauchen sie.
Jutta Berger / Dr. Léonie von Tavel (TORO 06/22)
Gesundheitsprobleme und Management-Fehler im Stall können niemals mit Antibiotika gelöst werden. Man muss stattdessen den Ursachen von Erkrankungen im Tierbestand entgegenwirken. Das ist leicht gesagt, aber mit einigen grundsätzlichen Strategien durchaus umsetzbar.
Anpassungsfähige Erreger
Bakterien, wie z.B. Staphylococcen, Coli-Bakterien oder Salmonellen sind Erreger vieler ernster Krankheiten. Antibiotika hemmen entweder das Wachstum dieser Keime oder töten sie ab – je nach Wirkmechanismus. Die Bakterien entwickeln allerdings dauernd neue Strategien, um Bekämpfungsmassnahmen zu überleben. Gelingt es ihnen, spricht man von «Resistenz» und die Medikamente verlieren ihre Wirkung. Die Bakterien können sich dann ungehindert vermehren und das befallene Tier oder den Menschen unheilbar krank machen. Es gilt also, Antibiotika grundsätzlich so anzuwenden, dass Bakterien so wenig wie möglich Chancen haben, Resistenzen zu bilden. Nur dann können diese Wirkstoffe auch in Zukunft heilend bei Mensch und Tier eingesetzt werden.
Bakterien sind lebenswichtig
Grundsätzlich sind Bakterien für Mensch und Tier lebensnotwendig. Sie helfen, dass der Darm oder die Haut ihre Aufgaben erledigen können. Oft kommt es auf die Menge der Keime an, ob sie gesunderhaltend oder krankmachend sind. So sind z.B. Staphylococcen normale Hautbewohner. Nur wenn sie sich unverhältnismässig vermehren, steigt der Infektionsdruck und es kann zu Erkrankungen kommen. Deshalb ist es wichtig, dass man im Fall einer Krankheitsbehandlung keinen Rundumschlag gegen sämtliche Bakterien macht. Sonst kommt es zu unerwünschten Nebenwirkungen, wie Durchfall unter Antibiotika -Therapie – wenn nämlich die lebensnotwendigen Darmbakterien ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen sind und ihren Job nicht mehr machen können.
Neue und alte Wirkstoffe
Antibiotika werden laufend weiterentwickelt. Man spricht von Antibiotika-Generationen. Je neuer ein Medikament, umso spezifischer und effizienter ist seine Wirkung, weil die Bakterien bislang noch keine Mechanismen für Resistenzen entwickelt konnten. Solche neuen Antibiotika müssen unbedingt «gespart» werden, damit man Mensch und Tier behandeln kann, wenn alte Antibiotika schon keine Wirkung mehr erzielen. Deshalb ist der restriktive Einsatz dieser Wirkstoffe in der Tierarzneimittelverordnung (TAMV) geregelt. Tierärzte/innen müssen sie dementsprechend verschreiben und hier Verantwortung übernehmen. Wegen der oft kurzen Absetzfristen der neueren Antibiotika ist ihr Einsatz allerdings oft verlockend. Sie sollten aber strikt nur eingesetzt werden, wenn man die krankmachenden Keime durch eine bakteriologische Untersuchung kennt.
Prophylaxe ist besser als Behandlung
Das Ziel jedes Betriebs muss es schon aus wirtschaftlichen Gründen sein, Medikamente einzusparen. Beim Einsatz von Antibiotika kommt zusätzlich noch der Aspekt der Resistenzvermeidung dazu, der tatsächlich eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung hat. In der Milchproduktion gibt es drei Bereiche, in denen am häufigsten Antibiotika eingesetzt werden: kranke Kälber, Euterbehandlungen und die Therapie von Erkrankungen in der Frühlaktation.
Potenzial bei den Kälbern
Gesunde Kälber brauchen keine Antibiotika! Alle Massnahmen, die zu ihrer Fitness beitragen, senken den Medikamenteneinsatz in der frühen Aufzucht:
- Mutterkuh-Impfungen gegen die gängigsten Kälberkrankheiten
- Optimale Kolostrumversorgung
- Wasser und Heu zur freien Verfügung
- Angepasste Kraftfuttergaben spätestens ab der zweiten Lebenswoche
Ältere Kälber werden wenn, dann meist wegen Atemwegs- oder Durchfallerkrankungen behandelt. Wegbereiter dafür sind suboptimale Stallungen, Transporte und Überbelegung. Dadurch sind Kälber gestresst und anfälliger für Krankheiten. Deshalb brauchen sie:
- Ausreichend Platz
- Rein-raus-Bestossung von Gruppenboxen, damit nicht dauernd neue Kälber neue Erreger einschleppen
- Hohe Stallhygiene – möglichst luftig, hell und trocken
- Absonderung kranker Tiere
- Erregerbestimmung vor einer Behandlung
- Kurze und schonende Transporte in kleinen Gruppen
- Kein Transport während der Immunitätslücke im Alter von vier bis sechs Wochen
Unter guten Bedingungen braucht es auch keine prophylaktische antibiotische Behandlung.
Zuerst Milch testen, dann behandeln
Das Beispiel Mastitis zeigt den Sinn bakteriologischer Untersuchungen. Weiss man, welches Bakterium der krankmachende Keim ist, kann man die passende Behandlung auswählen. Denn gegen Coli-Bakterien ist diese eine andere als z.B. gegen Streptokokken. Dasselbe gilt beim Trockenstellen. Heute empfiehlt man Kühe «selektiv» trockenzustellen. Dabei entscheidet man anhand der Zellzahlen, von Schalmtests und Milchproben, ob eine Kuh mit Antibiotika trockengestellt werden sollte oder ob eine andere Methode eben so zielführend ist (Zitzenversiegler, Homöopathie).
Voraussetzungen für ein antibiotika-freies Trockenstellen sind:
- Eine überlegte Entscheidung für jede einzelne Kuh
- Eine saubere Aufstallung der Galtkühe mit genügend Luftvolumen und guter Wasserversorgung
- Eine energiearme, aber qualitativ einwandfreie Galtration (nicht die Resten der Laktierenden vorlegen)
- Die tägliche Kontrolle der galten Euter v.a. in den ersten zwei Wochen
Prophylaxe zum Laktationsstart
Insbesondere bei Kühen mit Schwergeburt und Nachgeburtsverhalten werden oft Antibiotika eingesetzt. Kann man den Start in die Laktation erleichtern, reduziert dies die Behandlungsfrequenz. Kühe vor und nach der Geburt brauchen:
- Eine sorgfältige, angepasste Anfütterung in der Transitphase mit Steigerung der Kraftfuttergaben
- Bewegung in der Galtzeit, damit die Kühe fit bleiben
- Eine Genetikauswahl mit Augenmerk auf den Geburtsverlauf
- Eine gute Körperkondition (BCS max. 4.0)
- Eine sauber eingestreute Abkalbebox
- Geduld bei der Geburt. Geburtshilfe als Ausnahme und wenn, dann nur sorgfältig und hygienisch
- Nach der Geburt 40 Liter Wasser und schmackhaftes Futter
- Einen hohen Futterverzehr
- Sauberes Wasser
- In den ersten Tagen Kontrolle der Körpertemperatur (Normaltemperatur 38–39.0° C) und bei Fieber den/die Tierarzt/Tierärztin
- Ab der zweiten Woche nach der Geburt die Überwachung der Ketose-Gefahr (Ketosticks für Harn oder Blut)
- Wenn nötig: Glukoplastische Substanzen
- Melkhygiene: Vormelken, Reinigen, Dippen
Sperrmilch entsorgen
Müssen trotz aller Massnahmen Antibiotika angewendet werden, braucht es eine Strategie für die Entsorgung der Sperrmilch. Für viele Betriebe ein Dilemma, denn ein optimales Vorgehen gibt es nicht. Jede Art der Entsorgung hat Nachteile – und ist hinsichtlich der Resistenzbildung (und auch aus dem Aspekt der Lebensmittelverschwendung) problematisch!
- Verfüttert man die Antibiotikamilch an seine Kälber, stört man deren Verdauung, da man ihre Darmkeime schädigt. Solche Kälber bekommen häufig Durchfall und der Resistenzbildung der Durchfallkeime wird Vorschub geleistet.
- Kippt man die Antibiotikamilch in die Güllegrube, gelangen sie in die Umwelt und können dort für resistente Keime sorgen. Ausserdem vernichtet man so ein wertvolles Lebensmittel.
- Das BLV empfiehlt in seinem Merkblatt zur Entsorgung von antibiotikahaltiger Milch, belastete Milch über eine Biogasanlage zu entsorgen. Doch ist hier der logistische Aufwand für viele Betriebe beträchtlich und die Bakterien in einer solchen Anlage können durch Antibiotikarückstände Schaden nehmen.
Auch aus dem Aspekt der Entsorgung sind also weniger Antibiotika eindeutig mehr.