Kälbergesundheit in den ersten Wochen
Eine problemlose Geburt und viel Biestmilch sind das Fundament für gesunde, frohwüchsige Kälber. Doch in den Wochen danach lauern viele Fallstricke bei Fütterung, Haltung und Hygiene. Was gilt es zu beachten? Denn: Kälber sind eine sehr sensible Tiergruppe.
Martin Kaske, Kälbergesundheitsdienst Vetsuisse-Fakultät Zürich (TORO 01/24)
Kleingruppe statt Infektionsgefahr
Iglu- oder Hüttenhaltung in den ersten Lebenswochen mit einem konsequenten Rein-Raus-Verfahren hält den Keimdruck auf neugeborene Kälber gering. Teilen sich zwei Kälber ein grösseres Iglu, können sie ihr artgemässes Verhalten ausleben und fangen früher an zu fressen. Gruppenboxen, die kontinuierlich mit Kälbern unterschiedlichen Alters nachbelegt werden, sind dagegen ungünstig. Denn hier reichern sich Erreger an, die immer wieder eine Wirtspassage durchmachen und so für die Kälber immer gefährlicher werden. Boxen für Kleingruppen von gleichaltrigen Kälbern können dagegen vor einer Neubelegung jeweils gemistet und mit dem Hochdruckreiniger ausgespritzt werden. Betriebe mit gehäuften Erkrankungen sollten zusätzlich desinfizieren – wobei Durchfallerreger unterschiedlich empfindlich sind. Die Bekämpfung von Kryptosporidien, Eimerien und Giardien erfordert spezielle Desinfektionsmittel (Kresole). Wird ein Stall nach der Reinigung einige Tage trocken dem Sonnenlicht ausgesetzt, sinkt der Infektionsdruck zusätzlich, da UV-Strahlung Erreger inaktiviert – insbesondere Kryptosporidien. Also sollten immer mehrere Iglus auf einem Betrieb leer stehen und nicht direkt nach dem Ausmisten wiederbelegt werden.
Frische Luft statt Staub
Bei Kälbern ab der vierten Lebenswoche ist die Gruppenhaltung auf Stroh ohne brauchbare Alternative. Niedrige Warmställe sind allerdings ebenso problematisch wie hohe Altbauten (Scheunen) bzw. Ställe mit Trauf-First-Lüftung. Insbesondere bei hoher Belegung steigen bei unzureichendem Luftaustausch die Schadgas- und Staubkonzentrationen. Diese gelten als wichtige Risikofaktoren für Lungenentzündungen. Entsprechend setzt sich die Offenstallhaltung mit Aussenklima immer mehr durch (Gruppeniglus oder Pultdachhallen mit Kleinklimazonen). Es ist allerdings ein guter Witterungsschutz insbesondere zur Hauptwindrichtung hin notwendig. Ein Auslauf sollte zudem überdacht sein.
Ad libitum statt Hungern
An Mutterkühen trinken Kälber bereits in der zweiten Lebenswoche mehr als zehn Liter Vollmilch täglich, womit sie Zunahmen von mehr als 1 kg am Tag erreichen. Viele Milchviehbetriebe tränken dagegen immer noch deutlich weniger Milch, was zu Kälbern mit schlechter Konstitution führt. Zwei Verfahren eignen sich, um der natürlichen Ernährungssituation neugeborener Kälber möglichst nahe zu kommen und deren enormes Wachstumspotenzial zu nutzen: Entweder tränkt man «semi-ad-libitum» zwei mal täglich vier bis fünf Liter warme Vollmilch in einem Nuckeleimer. Zumindest im Winter können diese auch ohne Ansäuerung vertränkt werden. Die meisten Tiere trinken diese Menge vollständig leer. Oder man tränkt konsequent «ad libitum», indem man den Kälbern morgens und abends warme Vollmilch anbietet, die durch eine Säuremischung auf den pH-Wert von 5.5 eingestellt wird. Der verschlossene Nuckeleimer verbleibt hier unabhängig von der Aussentemperatur in der Kälberbox, die übrig gebliebene Restmilch wird vor dem nächsten Tränken verworfen oder älteren Kälbern angeboten. Ab der fünften bis sechsten Lebenswoche werden nur noch acht Liter täglich vertränkt und die Menge wöchentlich um zwei Liter reduziert. So lässt sich ein «Luxuskonsum» von Vollmilch vermeiden und die Tiere beginnen, ansteigende Kraftfuttermengen zu fressen. Ein Vollmilchaufwerter kann immer zugemischt werden, um den Spurenelement- und Vitaminbedarf der Kälber zudecken. Eine intensive Fütterung von Aufzuchtkälbern kann auch mit Milchaustauschern gelingen – allerdings nur mit qualitativ hochwertigen Produkten (> 40 % Magermilchpulvergehalt ohne pflanzliche Proteinträger). Solch intensive Aufzucht ist eine lohnende Investition in die Zukunft! Sie verbessert grundsätzlich die Konstitution der Kälber, ist aber kein Wundermittel z. B. gegen gehäufte Durchfallerkrankungen. Ein Bestandsproblem lässt sich nicht lösen, indem alle Tränkeeimer randvoll mit Milch gefüllt werden. Allerdings überstehen intensiv gefütterte Kälber eine Durchfallepisode besser als knapp gehaltene Tiere.
Wasser fürs Fressen
Kälber fressen und verdauen Beifutter (Heu, Silage oder Kälbermüsli) nur, wenn sie auch Wasser dazu trinken können. Wichtig ist, dass dies sauber ist und in offener Tränke angeboten wird. Wasser aus einem Nuckeleimer landet nämlich nicht im Pansen, sondern stört die Milchverdauung im Labmagen. Sind Kälber ans Trinken von Wasser gewöhnt, können sie ihren Flüssigkeitsverlust bei Durchfall so zumindest teilweise ausgleichen. Kraftfutter sollte möglichst direkt ab dem ersten Lebenstag angeboten werden. In den ersten drei Lebenswochen wird das Kalb allerdings nicht viel davon fressen. Dennoch kann es sich spielerisch daran gewöhnen und ab der vierten Lebenswoche die Aufnahme stark steigern. Insofern reicht es aus, wenn am Anfang lediglich eine Handvoll frisches Starterfutter am Tag angeboten wird. Optimal enthält es maximal 18 % Rohprotein (ca. 11 MJ ME/kg TS, 15–25 % NDF, 10–15 % ADF). Wichtig sind saubere und trockene Futterschalen. Befinden sich diese im nicht-überdachten Auslauf, so verklumpt und verdirbt das Kraftfutter schnell. Die frühe Aufnahme von hochwertigem Grundfutter fördert die Vormagenentwicklung. Dabei ist es sekundär, ob es sich um Grassilage oder Heu handelt. Problematisch kann allerdings ein hoher Zuckergehalt von Ackergras sein. Möglich ist auch, kurzgehäckseltes, entstaubtes Stroh, eingemischt in eine Kälber-Trocken-TMR, anzubieten. Durch den hohen Trockenmassegehalt ist sie sehr gut lagerfähig. Ab etwa der achten Lebenswoche kann auch Maissilage eingesetzt werden. Mit intensiver Aufzucht sollten die Kälber während der Tränkeperiode tägliche Zunahmen von über 800 g erreichen. Spätestens ab dem achten Lebensmonat sollten diese bei weiblichen Aufzuchtrindern unbedingt auf etwa 750 g begrenzt werden, um eine Verfettung zu verhindern. Dies gelingt mit einer reduzierten Energiekonzentration in der Ration (max. 5.8 MJ NEL/kg Trocken substanz).
Stabilität statt Stress
Neugeborene Tiere sind immer stressanfällig. Auch Kälber sind solche «Sensibelchen». Die erste Belastung für sie ist ihre Geburt. Danach ist jede Umstallung, jeder Wechsel im Haltungs- (z. B. von Einzel- in Gruppenhaltung) oder Fütterungssystem (z. B. von Eimertränke auf Tränkeautomat) eine Herausforderung für sie. Wenn all dies in den ersten beiden Lebenswochen, der Phase mit dem höchsten Risiko für Durchfallerkrankungen, fällt, sind Probleme vorprogrammiert. Aus tierärztlicher Sicht würde man deshalb mit solchen Systemwechseln am besten bis zur vollendeten dritten Lebenswoche warten. Eine weitere erhebliche Belastung für das Kalb ist das Enthornen. Es muss deshalb fachlich korrekt unter Sedation, mit Lokalanästhesie und Schmerzmittelgabe durchgeführt werden.
Fürsorge statt Verluste
Die aufgezählten Aspekte bei Haltung und Fütterung der Kälber mögen sehr wichtig sein – doch die Person, die sich um die Tiere kümmert, ist noch wichtiger. Eine gute Tierbetreuung bedeutet alles! Sie erfordert allerdings Zeit und Sorgfalt. Dies gilt mehr noch für die intensive Betreuung erkrankter Tiere. Allein durch grosses Engagement können die Erkrankungsrate und Tierverluste bei Bestandsproblemen nachhaltig reduziert werden. Für die Heilungsaussichten ist von zentraler Bedeutung, dass die Erkrankung möglichst früh erkannt und unmittelbar behandelt wird. Die Zusammenarbeit mit dem Hoftierarzt ist dabei entscheidend. Wichtig ist die gegenseitige Abstimmung bzgl. der Behandlungsschemata und eine sorgfältige Dokumentation, aus der auch der Erfolg oder Misserfolg der jeweiligen Therapie hervorgehen sollte. Nur wenn diese regelmässig ausgewertet wird, kann das Management in der Kälberaufzucht verbessert werden.
Messen zur Kontrolle
Ebenso wie Milchkühe monatlich über die MLP selbstverständlich durch ein «Controlling» laufen, braucht auch die Aufzucht regelmässige Zahlen für eine Erfolgskontrolle. Die Totgeburtenrate und die Abgangsrate während der Tränkeperiode sind dafür das absolute Minimum. Zusätzlich sollte der Anteil der Kälber erfasst werden, die während der Milchtränkeperiode tägliche Zunahmen von mehr als 800 g erreichen. Dazu sind das Geburtsgewicht und das Gewicht beim Abtränken erforderlich. Um diese Zahlen mit geringem Aufwand zu erhalten, empfiehlt sich eine Transportkarre mit integrierter Waage oder – ganz simpel – die Gewichtsschätzung mittels Messung des Brustumfangs mit einem speziellen Massband. 75 % der Kälber sollten dabei das «Klassenziel» von mindestens 800 g/Tag erreichen. Dann hat man sehr viel richtig gemacht und eine Grundlage für leistungsfreudige, langlebige und gesunde spätere Milchkühe gelegt.
Kälbergesundheit von Geburt an
Kälbergesundheit beginnt vor der Geburt: Fütterung der Mutterkuh, saubere Kalbung, schnelle Kolostrumgabe und Milch sichern Vitalität und Leistung.
Bicarbonat steigert Trinklust bei Kälbern
Natriumbicarbonat unterstützt Kälber bei Durchfall, stabilisiert den Säure-Basen-Haushalt, fördert die Trinklust und beugt Dehydrierung vor.
Joghurt-Tränke für Kälber
Die Joghurt-Tränke bietet Kälbern gut verträgliche Milch, verbessert Hygiene und Arbeitsaufwand und ist eine kostengünstige Alternative.
Milchmenge für Kälber
Studie zeigt: Neugeborene Kälber vertragen sehr hohe Milchmengen; Durchfall entsteht eher durch hastiges, stressbedingtes Trinken als durch die Menge.
Kälberbedürfnisse
Kälber brauchen mehr als Futter und Milch: Wärme, Frischluft, Sozialkontakt, Beschäftigung und Hygiene fördern Gesundheit und Tierwohl.
