Home>News>
Kälbergesundheit von Geburt an
Neugeborene Kälber|16.03.2026

Kälbergesundheit von Geburt an

Das Kalb von heute ist die Kuh von morgen.

Martin Kaske, Kälbergesundheitsdienst Vetsuisse-Fakultät Zürich (TORO 03/23)

Noch immer wird der Kälberaufzucht auf vielen Milchviehbetrieben zu wenig Bedeutung beigemessen. Da das Betriebseinkommen primär durch die Milch erwirtschaftet wird, stehen Fütterung, Gesundheit und Fruchtbarkeit der Kühe im Mittelpunkt. Die Kälberaufzucht wird oft als notwendiges Übel angesehen, das auch das Grosi oder der Lehrling übernehmen kann. Entsprechend sind die Ergebnisse häufig unbefriedigend und die Jungtiere krank (insbesondere durch Durchfall und Lungenentzündungen). Der zeitliche Mehraufwand für ihre Betreuung, chronisch kranke «Kümmerer», explodierende Kosten für Tierarzt und Medikamente oder sogar verendete Tiere sorgen dann für grossen Frust.

Gesunde Kälber!
Bild: Swissgenetics

Langfristige Konsequenzen

Andere Betriebe denken fortschrittlicher und sehen, dass eine erfolgreiche Kälberaufzucht die zentrale Grundlage für ihre Zukunft ist und daher Aufmerksamkeit braucht. Die Remontierung hochleistender, langlebiger Milchkühe, welche wesentlich die Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion beeinflusst, kann nur so erzielt werden. Eine schlechte Entwicklung eines Kalbs hat dagegen drastische Konsequenzen für die langfristige Performance des Tieres bei der späteren Nutzung. Dahinter verbirgt sich das Prinzip der «metabolischen Programmierung», dass nämlich Umweltfaktoren während der Entwicklung des Fötus in der Gebärmutter, aber auch in den ersten Lebenswochen des Kalbs, seinen lebenslangen Stoffwechsel prägen. Was dann versäumt wird, kann man später nicht mehr aufholen! Jungtiererkrankungen zu vermeiden ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Häufige Kälberprobleme eines Betriebs zeigen systematische Mängel im Fütterungs- und/oder Haltungsmanagement, denn auf praktisch allen Betrieben findet man die Mehrzahl der wichtigsten Infektionserreger. Nicht überall machen sie die Tiere aber krank.

Grundlagen schaffen

Die Voraussetzungen für ein gesundes Kalb werden bereits vor seiner Geburt über die Fütterung und Haltung der (hoch-)trächtigen Kuh gelegt. Sie bestimmen die Entwicklung des Fötus, den Geburtsverlauf und auch die Vitalität des neugeborenen Kalbes. Die Kuh darf weder vor der Kalbung verfetten, noch im letzten Drittel der Laktation, wo unbedingt die Fütterung angepasst werden muss, noch während der Trockenstehperiode. Spurenelemente (Selen u. a.) müssen vor der Kalbung unbedingt ergänzt werden – insbesondere bei Erstkalbinnen, die häufig aufgrund von Weidehaltung oder Alpung bis kurz vor der Kalbung unterversorgt sind. Grundsätzlich gilt: Jeder Betrieb, der nichts gegen einen Selenmangel unternimmt, hat einen Selenmangel! Auch die Vermeidung von latentem Milchfieber bei mehrkalbigen Kühen vor bzw. nach der Kalbung durch Eingabe von Boli hat unmittelbar positive Auswirkungen auf die Vitalität des neugeborenen Kalbes.

Eine leichte Geburt

Je unkomplizierter die Geburt, desto besser der Start des Kalbes! Der Geburtsverlauf sowie die ersten Stunden des Kalbes nach der Geburt haben für die spätere Kälbergesundheit eine zentrale Bedeutung. Schwergeburten sind durch ein systematisches, überlegtes und abgestuftes Vorgehen bei Geburten unbedingt zu vermeiden. Es gilt das Prinzip: «Man muss in der Geburtshilfe viel wissen, um wenig zu tun.» Die wichtigsten Grundsätze für eine sachgerechte Geburtshilfe wurden in dem DLG-Merkblatt 374 zusammengefasst, das man kostenfrei aus dem Internet downloaden kann.

Eine problemlose Kalbung in sauberem Stroh: Grundlage für gesunde Kälber.
Bild: M. Kaske

Trockene Kälber trinken besser

Das Ablecken des Kalbes durch das Muttertier hat positive Effekte, weil es seinen Kreislauf anregt. Trotzdem wird das Kalb dadurch nicht trocken – und es ist fatal, nasse Neugeborene gerade in der kalten Jahreszeit einfach sich selbst zu überlassen. Diese Tiere müssen massiv Energie für die Verdunstung des Wassers einsetzen und trinken weniger Kolostrum als Kälber, die nach der Geburt zügig und gut trocken werden. Ein Frotteehandtuch, eine Wärmelampe oder ein Heizlüfter aus dem Baumarkt können helfen.

Sauberkeit im Abkalbestall

Die Infektion des Kalbes mit Krankheitserregern erfolgt häufig bereits kurz nach der Geburt – die Nasenöffnungen, Maul und Nabel sind die wichtigsten Eintrittspforten. Ein niedriger Keimdruck schützt. Er erfordert aber regelmässig gereinigte und üppig ein gestreute Abkalbeboxen. Kann dies nicht gewährleistet werden, so sollte das Kalb direkt nach dem Trockenlecken aus dem Abkalbebereich in eine gereinigte Kälberbox bzw. ein Kälberiglu gebracht werden.

Kolostrum ist nicht nur Milch

Eine ausreichende Kolostrumversorgung ist die mit Abstand wichtigste Massnahme, um Erkrankungen des Kalbes zu vermeiden. Denn Kolostrum enthält grosse Mengen an Abwehrstoffen – es ist also quasi ein Arzneimittel. Ohne diese Immunglobuline vom Muttertier sind die Kälber den Bakterien und Viren in der Umwelt schutzlos ausgeliefert. Auffallend sind zudem die lang anhaltenden Effekte des Kolostrums: Es beeinflusst nicht nur das Durchfallgeschehen in den ersten Lebenstagen, sondern auch die spätere Kälbergesundheit und sogar die Milchleistung in der ersten Laktation. Kälber müssen deshalb nach der Geburt warmes Erstgemelk des Muttertieres über eine Nuckelflasche angeboten bekommen – und sie sollen davon so viel trinken, wie sie mögen. Der Saugreflex ist bei problemlos geborenen Kälbern unmittelbar nach der Geburt am stärksten. Viele Kälber trinken dann drei Liter oder sogar mehr. Jeder einzelne Schluck ist dabei wirksame Krankheitsvorbeugung. Das Kolostrum muss aber unbedingt sauber ermolken werden, denn Verunreinigungen führen zu einer wesentlich verringerten Aufnahme der Abwehrstoffe aus dem Darm in das Blut des Kalbes. Kälber, die aus welchen Gründen auch immer nicht freiwillig zu mindest einen Liter Kolostrum aufnehmen, sollten mit einer Sonde versorgt werden. Das Drenchen ist nach einer entsprechen den tierärztlichen Einweisung ohne Risiko.

Kolostrum ist der Zaubertrank der Natur für gesunde Kälber. Es sollte dem Neugeborenen kontrolliert per Nuckelflasche angeboten werden.
Bild: www.zweiaufreisen.com

Muttertierimpfung

Problembetriebe mit gehäuftem Kälberdurchfall können ihre Situation über eine Impfung der hochtragenden Kühe verbessern: Sie bilden dadurch vermehrt Abwehrstoffe gegen die Krankheitserreger und reichern diese im Kolostrum an. Trinkt das Kalb diese Biestmilch, profitiert es davon. Entscheidend ist aber, dass die im Impfstoff enthaltenen Antigene tatsächlich für die Erkrankungen im Betrieb verantwortlich sind. Sie sollten also zuerst durch die Untersuchung von Durchfallkot frisch erkrankter Kälber nachgewiesen werden. Bewährt haben sich dazu Schnelltests, die jeder Bestandestierarzt zur Verfügung hat. Wird das Problem vor allem durch Cryptosporidien verursacht, ist eine Muttertierimpfung hingegen zwecklos.

Hohe Tageszunahmen

Kälber in den ersten Lebenswochen brauchen viel Milch. Das hat zum einen kurzfristige Effekte, weil die Kälber schneller wachsen und aufgrund der besseren Konstitution gesünder sind – und es hat langfristige Effekte, weil die Milchleistung später bei Kälbern mit hohen Tageszunahmen während der Tränkeperiode deutlich höher ist als bei Kühen, die als Kalb sehr knapp mit Milch versorgt wurden. Dies erklärt sich u. a. durch den positiven Einfluss der Fütterungsintensität auf die Entwicklung des Eutergewebes. Auch bei guter Milchfütterung sind dennoch viele Kälber insbesondere mit Eisen und fettlöslichen Vitaminen unterversorgt. Ein «Kälber-Booster» am zweiten Lebenstag wirkt dem entgegen. Er ist über den Bestandestierarzt oder als Bolus über den Besamungsdienst erhältlich.