Körpersprache und Verhalten
Eine Kuh sagt mehr als «Muh»
Körpersprache und angeborenes Verhalten verraten, wie Kühe reagieren werden.
Jutta Berger (TORO 03/18)
Die Herde hebt die Köpfe. Das Trenngitter schwenkt in den Boxenlaufstall hinein. Vorsichtig, aber auch neugierig steht die Kuh, die der Betriebsleiter heute Vormittag auf der Auktion ersteigert hat, im geöffneten Tor. Mit wachsam erhobenem Kopf treten ihr zwei der ranghöchsten Kühe entgegen. Sie checken die Lage. Dann folgen die anderen Tiere. Die neue Kuh streckt den Hals gerade nach unten. Sie will keinen Ärger. Die eine Kuh der Vorhut zieht ihr Kinn in Richtung Brust und zeigt der neuen die Stirn. Sie droht und deutet an, wer hier die Chefin ist. Die andere brummt und schüttelt den Kopf. Auch das ein deutliches Drohsignal. Die neue Kuh versteht. Sie streckt ihren Kopf noch weiter nach unten und geht rückwärts, als die beiden Kühe ihr zu nahekommen. Sie will den Drohungen ausweichen und aus der Gefahrenzone herausgehen. Schräg hinter ihr steht aber der Bauer. «Geh, hopp jetzt!», sagt er und tritt einen Schritt näher an sie heran. Instinktiv weicht die Kuh ihm nach vorne aus, tritt auf den Spaltenboden und flüchtet vor den anderen.
Vorwärts statt Stopp
Der Neuzugang befindet sich in dieser Situation in einem Zwiespalt. Zum einen signalisiert die Körpersprache der anderen Kühe: Halt, Stopp! Wer bist Du? Wir sind – wahrscheinlich – stärker! Zum anderen treibt der Bauer sie in die Situation hinein, denn er kommt ihr von hinten näher, als sie toleriert. Er tritt in ihre sogenannte Bewegungszone, weshalb sie nach vorne geht.
Die Kühe verstehen
Versteht der Bauer die Kommunikation seiner Kühe untereinander, kann er gefährliche Situationen vermeiden. Wenn er ihre Wahrnehmungen und ihr Verhalten einschätzen kann, ermöglicht ihm das, die Reaktionen vorherzusehen. Kennt er ihr Bedürfnis nach Distanz, kann er dieses auch ganz gezielt für sich nutzen.
Klare Sprache
Die Körpersprache, über die die Kühe kommunizieren, ist klar und deutlich: Die Haltung und Bewegungen ihres Kopfs, ihrer Beine und des Schwanzes drücken eindeutig Drohungen, Dominanz oder Unterlegenheit aus. Sie zeigt Schmerzen oder Wohlbefinden. Eigentlich kommt es nur in Ausnahmefällen zu körperlichen Auseinandersetzungen und zum Kräftemessen. Wenn ein neues Tier zu einer Herde kommt, wird allerdings die Rangordnung ausgefochten. Die Kühe drohen sich zunächst mit deutlichen Gesten: Sie ziehen das Kinn gegen die Brust, scharren mit den Vorderbeinen oder reiben ihre Hörner am Boden. Der anschliessende Kampf dauert nur wenige Sekunden. Die Unterlegene wird kurz verfolgt, sofern sie fliehen kann. Spätestens nach drei Tagen sind die Verhältnisse meist geklärt und physische Auseinandersetzungen werden selten. Es genügt dann die Körpersprache.
Rang entscheidet
Der Platz in der Rangordnung hat einen wesentlichen Einfluss auf das Verhalten, das Wohlbefinden und die Gesundheit der Kuh: auf Liege- und Fresszeiten, auf die Futteraufnahme und damit auf die Energieversorgung. Vor allem in beengten Laufställen sind rangniedere Tiere deutlich schlechter gestellt als die dominanten, und werden z. B. häufig vom Fressplatz oder aus der Liegebox verdrängt. Im Anbindestall hindert die ranghöhere Kuh manchmal ihre Nachbarin daran, am gemeinsamen Tränkebecken zu trinken. Ältere, grosse und schwere Tiere sind meist ranghoch. Aber auch Charakter und Gesundheitszustand haben einen Einfluss. Die ranghöchste Kuh ist die Leitkuh, an der sich der Rest der Herde orientiert. In Stresssituationen drängen sich dominante Tiere ins Innere der Herde und die Schwächeren an den Rand.
Distanz halten
Normal halten Kühe allerdings Distanz zueinander. Der rangniederen Kuh ist geboten, bei Begegnungen nicht zu nahezukommen, sonst interpretiert die Ranghöhere das als aggressives Verhalten und weist sie zurecht. Wenn diese Distanzunterschreitung durch beengte Stallverhältnisse quasi unbeabsichtigt erzwungen wird, häufen sich Aggressionen und Kämpfe. Die Distanz, die toleriert wird, beträgt zwischen einem halben und drei Metern. Enthornte Tiere lassen in der Regel mehr Nähe zu als Kühe mit Hörnern. Die tolerierte Individualdistanz wird freiwillig nur zur sozialen Körperpflege unterschritten, bei der sich Tiere mit ähnlichem Rang am Kopf oder am Hals freundschaftlich belecken und so auch Spannungen in der Herde abbauen.
Rinder treiben
Das Bedürfnis nach Distanz macht sich die amerikanische Methode des «Low Stress Stockmanship» zunutze. Rinder können durch sie stressfrei getrieben werden. Dazu teilt sie die Wahrnehmung der Tiere und deren Distanzverhalten in unterschiedliche Zonen ein: in die Wahrnehmungs- und die Druck bzw. Bewegungszone. Geht man als Treibender auf ein Rind zu, betritt man zuerst dessen Wahrnehmungszone: Es wird jetzt aufmerksam und neugierig. Geht der Treibende weiter auf das Tier zu, wendet es sich ab und flieht, sobald er dessen Bewegungszone erreicht (sofern es nicht komplett handzahm ist). Je nachdem wie zahm ein Tier ist, sind seine Wahrnehmungs- und die Bewegungszone unterschiedlich gross: Kuh Vreni kann es z. B. noch gar nicht interessieren, dass ein Mensch in ihrem Gesichtsfeld mit drei Metern Abstand auftaucht. Bei Kuh Trudi führt dies dagegen schon zur Flucht. Durch den Aufbau bzw. die Minderung von Druck auf die individuelle Bewegungszone kann der Treibende das Tier lenken. Es geht dann quasi freiwillig dorthin, wo er es haben möchte.
Hinten – seitlich
Dazu muss der Treibende sich richtig positionieren: Er muss zum einen im Blickfeld der Rinder sein, die hauptsächlich seitlich sehen. Zum anderen versuchen Rinder immer ihre Flanke zu schützen, da dies in der Natur ihr verletzlichster Körperteil ist. Sie weichen daher so vor dem Treibenden aus, dass sie die Flanke möglichst weit von ihm weg drehen. Dadurch kann er die Tiere in die gewünschte Richtung lenken: Kommt der Treibende seitlich von vorne, weichen sie nach hinten aus oder drehen sich um. Treibt er von hinten, laufen sie seitlich vor ihm davon. So können sie sehen, wer treibt, und ob derjenige noch da ist. Reagieren die Rinder wie gewünscht und laufen dorthin, wo sie sollen, muss der Treiber zurückweichen und den Druck auf das/die Tier(e) herausnehmen – ihre Individualdistanz achtend. Tut er das nicht, können die Tiere panisch und nicht mehr kontrollierbar werden. Dann heisst es «Pause», bis sich alle wieder beruhigt haben. Denn Ruhe ist immer der Schlüssel zum Erfolg. Je ruhiger der Mensch ist, umso ruhiger bleiben auch die Tiere.
Arbeitsunfälle beim Besamen vermeiden
Sicheres Arbeiten beim Besamen erfordert gut markierte Wege, angepasste Stallhaltung und bewusste Vorbereitung, um Unfälle bei Tier und Personal zu vermeiden.
Ohren der Kühe
Kühe hören empfindlicher als Menschen, erkennen vertraute Geräusche, Stimmen und Frequenzen und reagieren sensibel auf unerwartete oder laute Töne.
Augen der Kühe
Kühe sehen im Dunkeln besser durch ein Tapetum lucidum und haben ein weites Sichtfeld, jedoch Toten Winkel und empfindliche Kontraste, die ihr Verhalten beeinflussen.
Arbeitssicherheit
Unfallprävention in der Tierhaltung: Risiken beim Melken, Verladen und Umgang mit Rindern durch Stressvermeidung, Körpersprache und richtige Technik minimieren.
