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Kontrolluntersuchung und Zughilfe bei der Geburt
Geburtsablauf|20.08.2026

Kontrolluntersuchung und Zughilfe bei der Geburt

Die wichtigste Regel in der Geburtshilfe bei Kühen lautet: Meist brauchen Kühe keine!

Jutta Berger, wissenschaftliche Mitarbeiterin

In aller Regel kalben Kühe problemlos alleine – wenn sie genügend Zeit und Ruhe dazu haben. Manchmal macht ein zu frühes Eingreifen des Menschen eine normale Geburt sogar zu einer Schwergeburt. Die stille Überwachung von Weitem reicht daher in den meisten Fällen.

Kamerasysteme erlauben jeder Zeit einen Blick in den Stall - auch Kühe unter der Geburt lassen sich so von überall unauffällig überwachen.

Wie lange darf man zuwarten?

Nach dem Platzen der Fruchtblase dauert es bei Kühen oft noch eineinhalb Stunden, bei Rindern sogar noch länger, bis der Kopf des Kalbes durch die Scham tritt. Solange die Wehen regelmässig sind und ein Geburtsfortschritt erkennbar bleibt, besteht in der Regel kein Grund, einzugreifen. Die Stärke der Wehentätigkeit liefert zudem wertvolle Hinweise auf den Gesundheitszustand der Kuh.

Kontrolluntersuchung

Eine Kontrolluntersuchung ist angezeigt, wenn der Geburtsverlauf vom Normalen abzuweichen scheint. Dazu gehören folgende Situationen:

  • Die Kuh läuft unruhig umher, zeigt aber keine kräftigen Wehen (Verdacht auf Wehenschwäche - Warnzeichen für beginnendes Milchfieber).
  • Trotz deutlicher Unruhe und Wehen geht kein Fruchtwasser ab (Verdacht z. B. auf Überwurf).
  • Der Kopf des Kalbes tritt mehr als 1,5 Stunden nach dem Abgang des Fruchtwassers noch nicht durch die Scham (Verdacht z. B. auf zu grosses Kalb oder falsche Lage, Haltung oder Stellung).
  • Es ist nur eine Klaue des Kalbes sichtbar (Hinweis auf falsche Haltung).
  • Die Unterseite der Klauen zeigt nach oben (Hinweis auf ein Kalb, das rückwärts kommt oder auf dem Rücken liegt).
  • Teile der Nachgeburt sind sichtbar, bevor das Kalb geboren ist (Verdacht auf vorzeitige Plazentaablösung).

Sauberkeit bei der Geburtshilfe

Jedes Hineingreifen in den Geburtsweg erfordert höchste Sauberkeit – egal ob zur Kontrolluntersuchung oder bei einer tatsächlichen Geburtshilfe. Hygiene hat deshalb oberste Priorität:

Die Scham und ihre Umgebung werden gründlich mit warmem Wasser und Seife gewaschen und anschliessend sauber abgespült. Am besten hält eine Hilfsperson dabei den Schwanz der Kuh zur Seite. Dann werden Hände und Arme des Geburtshelfers bis zur Schulter sorgfältig gereinigt, die Armbanduhr, Fingerringe etc. abgezogen. Lange Besamungshandschuhe und ausreichend Gleitmittel erleichtern eine saubere Untersuchung und schonen gleichzeitig die empfindlichen Geburtswege. Hygiene schützt nicht nur vor Infektionen, sie trägt auch wesentlich dazu bei, dass sich die Gebärmutter nach der Geburt rasch erholt und die Fruchtbarkeit der Kuh erhalten bleibt.

Übrigens: Geburten können auch ins Stocken geraten, weil das Kalb bereits verstorben ist. In diesen Fällen ist das Anlegen eines langen Besamungshandschuhs zur Untersuchung auch persönlicher Infektionsschutz: Trifft infiziertes Fruchtwasser auf eine kleine Hautwunde, kann das zu einer schweren Blutvergiftung führen.

Untersuchung des Geburtswegs und des Kalbs: Mit Handschuh und Gleitgel. Scham der Kuh vorher waschen!

Was untersuchen?

Bei der Untersuchung beurteilt man:

  • die Öffnung des Muttermunds
  • die Lage (Vorder- oder Hinterendlage) des Kalbs
  • Stellung (Rücken oben oder unten) des Kalbs
  • Haltung (Kopf bzw. Hals und Gliedmassen gestreckt oder abgewinkelt) des Kalbs
  • Bei einer Zwillingsgeburt können manchmal Körperteile des zweiten Kalbs ertastet werden (z.B. mehr als zwei Beine im Geburtskanal), die dann sortiert werden müssen.
  • Lebenszeichen des Kalbs - durch Zwicken in den Zwischenklauenspalt kann man häufig ein Anziehen des Beins provozieren. Reagiert das Kalb nicht, ist dies allerdings kein sicherer Hinweis auf den Tod des Kalbs: Der Umkehrschluss ist nicht zulässig!
  • Grösse des Kalbs im Verhältnis zum Becken der Kuh - Passt eine flache Hand zwischen Kopf und Becken? Wie gross sind die Klauen des Kalbs?
So liegt ein Kalb korrekt im Geburtsweg: In Vorderendlage, oberer Stellung und gestreckter Haltung.

Ein weiteres passives Zuwarten ist nur sinnvoll, wenn beide Vorderbeine und der Kopf korrekt im Geburtsweg liegen und die Geburt weiter fortschreitet.

Bestehen irgendwelche Zweifel an der Öffnung des Muttermunds bzw. der Lage, Stellung, Haltung oder Grösse des Kalbs, sollte frühzeitig tierärztliche Hilfe hinzugezogen werden!

Grenzen vorab festlegen

Nur wenn das Kalb korrekt im Geburtsweg liegt und der Muttermund vollständig geöffnet ist, die Geburt dennoch nicht voranschreitet, ist eine Zughilfe angezeigt.

Wichtig, wichtig, wichtig

Vor einem Auszugsversuch...

  • muss immer geprüft werden, ob eine flache Hand zwischen Kopf des Kalbs bzw. seinem Schultergürtel und mütterlichem Becken Platz hat. Sonst ist ein Kaiserschnitt die sicherere Variante.
  • muss ein Kalb, das auf dem Rücken liegt, unbedingt gedreht werden.
  • müssen gebeugte Beine oder ein eingeschlagener Kopf auf jeden Fall gestreckt werden.

Sämtliche Stellungs- oder Haltungskorrekturen funktionieren nur, wenn das Muttertier steht.
Sie sind an einem liegenden Tier nicht möglich.

Bei einer Hinterendlage beachte unbedingt die Tipps zu diesem Spezialfall.

Auch bei der Zughilfe hat es sich bewährt, bereits im Voraus festzulegen, wann die eigenen Möglichkeiten erreicht sind und diese Grenzen im Eifer des Gefechts einzuhalten.
In der Geburtshilfe übernimmt immer die- oder derjenige mit der meisten Erfahrung "das Kommando".

Ungenügende Weite der Geburtswege. "Blinde Zughilfe" würde hier unweigerlich zu Geburtsverletzungen am Muttertier führen. Deshalb: Ein Fall für tierärztliche Hilfe!

Richtige Zughilfe - wenn nötig

Für eine Zughilfe werden Zugketten oder Geburtsstricke an beiden Vorderbeinen des Kalbes oberhalb des Fesselgelenks angelegt. Durch abwechselnden Zug lässt sich der Schultergürtel leichter durch das Becken führen. Bis zum Durchtritt des Brustkorbs wird in Verlängerung der Wirbelsäule der Kuh gezogen, anschliessend in Richtung Euter. Die Zughilfe sollte möglichst am liegenden Tier erfolgen, da die Bauchpresse der Kuh den Zug optimal unterstützt.

Entscheidend ist, dass ausschliesslich während der Presswehen gezogen wird. In den Wehenpausen darf kein Zug ausgeübt werden. Dadurch werden die Geburtswege geschont und das Kalb bleibt über die Nabelschnur weiterhin mit Sauerstoff versorgt. Mehr als zwei Personen sollten niemals gleichzeitig ziehen. Während des Durchtritts des Kalbes kann der Damm der Kuh mit den Handballen vorsichtig gestützt werden, um Einrisse zu verhindern. Vor allem, wenn das Fruchtwasser schon vor längerer Zeit abgegangen ist, erleichtert das Einschleimen des Kalbs mit Gleitgel das Durchrutschen durch das mütterliche Becken.

Zughilfe erfolgt zuerst parallel zur Wirbelsäule der Kuh, nach Durchtritt des Brustkorbs des Kalbs in Richtung ihres Euters.

Vorsicht mit dem mechanischen Geburtshelfer

Mechanische Geburtshelfer sind mit besonderer Vorsicht einzusetzen.

Sie können eine sehr hohe Hebelwirkung und Zugkraft entwickeln und dadurch schwere Verletzungen der Geburtswege oder des Kalbes verursachen.
Auch beim Einsatz des mechanischen Geburtshelfers gilt:

  • Nur während der Wehen ziehen und niemals übermässige Kraft anwenden.
  • Nie bei Kälbern einsetzen, die mit falscher Stellungs oder Haltung im Geburtskanal liegen. Diese Anomalien müssen auch vor einem mechanisch unterstützten Auszugsversuch korrigiert sein
  • Speziell bei grossen Kälbern den mechanischen Geburtshelfer nur sehr, sehr dosiert einsetzen:
    Steckt ein Kalb nach einem groben Einzugsversuch im mütterlichen Becken fest, kann es dort auch mit einem Kaiserschnitt nur noch schwer lebend wieder herausgeholt werden.
    Deshalb einen Auszugsversuch lieber frühzeitig wieder abbrechen - Und Kuh samt Kalb mit einem Kaiserschnitt retten.

Wie immer gilt der oberste Grundsatz:

Beim kleinsten Zweifel am eigenen Handeln wird der Tierarzt oder die Tierärztin umgehend angerufen !